Mittwoch, 09. Dezember 2020, 16:01 Uhr
von Uwe

Ausprobiert: CO2-App (mit Podcast-Abstecher nach Finnland)

Wie groß ist der ökologische Rucksack, den wir mit uns herumschleppen? Um das herauszufinden, könnt Ihr eine CO2-Tracking-App benutzen. Wir schauen uns eine der bekanntesten an und starten dafür im finnischen Lahti.
Screenshot: privat

Der Grund: Auf die App-Idee kamen wir durch eine Podcast-Episode bzw. einen Beitrag von SWR2 Wissen, den wir hier gerne empfehlen. Die Folge Finnlands Kampf gegen den Klimawandel – mit Apps und Atomkraft ist absolut hörenswert. Denn in der 140.000-Einwohner-Stadt Lahti wird schon seit 2010 an der Reduktion der CO2-Emissionen gearbeitet – und das mit enormem Erfolg. Damals beschloss die Stadtverwaltung, den Pro-Kopf-Ausstoß bis 2025 zu halbieren. „Dieses Ziel ist längst erreicht: Schon 2018 lag die CO2-Reduktion pro Einwohner bei 70 Prozent, verglichen mit 1990. Jetzt wolle man bis 2025 klimaneutral sein“, heißt es in dem SWR2-Beitrag.

Der Umsteig von Kohle auf regenerative Energien und die leider von der finnischen Regierung für erforderlich gehaltene Nutzung der Kernenergie werden ebenso thematisiert wie digitale Wege zum Klimaziel. So kommt eine App ins Spiel: In Lahti nehmen 600 Menschen an einem Pilotversuch teil, sie lassen unter anderem ihre Bewegungen tracken. Dabei erkennt die App automatisch, mit welchem Verkehrsmittel die Teilnehmer*innen unterwegs sind.

„Grundsätzlich stehen dabei jedem Bewohner, jeder Bewohnerin 17 Kilogramm CO2 pro Woche als eine Art Budget zur Verfügung, die genaue Menge wird allerdings an die jeweiligen Lebensumstände angepasst“, heißt es bei SWR2. Wer unter seinem Limit bleibt, wird mit Punkten belohnt, die er alle vier Wochen einlösen kann – „für Bustickets, eine Tasche oder eine Fahrradreparatur“.

Klimakompass: App fürs CO2-Budget

Die bei uns verfügbaren CO2-Apps sind nicht so weit entwickelt wie die Versuchs-App in Lahti. Meist besitzen sie einen CO2-Rechner und arbeiten zusätzlich mit Gamification. Das heißt, sie versuchen, durch spielerische Anreize eine Reduzierung des CO2-Fußabdrucks zu erreichen. Wir haben uns die App „Worldwatchers Klimakompass“ genauer angesehen, die bereits im Beitrag „Klimakompass: Mobiler CO2-Rechner könnte die wichtigste App werden“ bei utopia.de vorgestellt wurde.

Besonders angesprochen hat uns das Fazit der Utopia-Tester*innen: „Die Klimakompass-App von Worldwatchers geht im Ansatz die entscheidenden Schritte weiter und erlaubt es perspektivisch, in Sachen Klima faktenbasierte Entscheidungen zu treffen.“ Diese Einschätzung basiert auf einem weiteren Feature der App: Mit einem integrierten Barcode-Scanner lassen sich Produkte bzw. Produktgruppen erfassen, dann gibt die App folgende Daten preis:

  • CO2-Äquivalente: Maßeinheit, die ausdrückt, wie stark die Produktgruppe zum Klimawandel beiträgt. Dabei werden Produktion, Lagerung, Lieferung etc. bewertet.
  • Material Footprint: Gewicht aller natürlichen Rohstoffe, die während des Produktions- und Lieferprozesses verbraucht oder der Natur entnommen werden (außer Wasser).
  • Tagesbudget: Das liegt bei 15,1 Kilogramm und wird aus dem Jahresbudget (10,6 Tonnen) von Ernährung und sonstigem Konsum berechnet. Ernährung steht dabei für 15 Prozent, Konsum für 37 Prozent der Gesamtemissionen. Aktueller CO2-Verbrauch in Deutschland ist 11,6 Tonnen pro Jahr und Person. Die App setzt bereits den mit Blick auf das Erreichen der Pariser Klimaziele reduzierten Wert an. Für 2021 sind das 4,36 Kilogramm für Ernährung und 10,75 Kilogramm für sonstigen Konsum, zusammen also 15,1 Kilogramm pro Tag.

Ein Beispiel: Unsere geliebte Bio-Erdnusscreme (crunchy) wird in der Produktgruppe Nüsse / Samen abgefrühstückt. Diese Produktgruppe verbraucht laut App 34 Gramm CO2-Äquivalente pro 100 Gramm. Nüsse haben einen Material Footprint von 73 Gramm pro 100 Gramm. Das Tagesbudget wird durch sie mit 0,23 Prozent belastet. Dabei war uns allerdings nicht klar, ob das für das gesamte 500-Gramm-Glas gilt oder für 100 Gramm, was bei Erdnusscreme ja auch schon reichlich ist.

Als bahnbrechend informativ erweist sich auch der CO2-Rechner (noch) nicht. So kann etwa beim Wohnen die Anzahl der Quadratmeter angegeben werden, aber nicht der Haus- oder Wohnungstyp (energieeffizient?). Insgesamt gibt der Klimakompass aber zumindest einen guten Anhaltspunkt dafür, wie Ihr beim CO2-Verbrauch liegt. Bei der Berechnung orientiert sie sich am Konzept des ökologischen Rucksacks, das vom Wuppertal Institut entwickelt wurde.

Fazit: App mit Potenzial

Viel mehr als eine nette Spielerei ist die App aktuell noch nicht. Die Challenges eröffnen allerdings vielfältige Möglichkeiten, den eigenen CO2-Verbrauch zu senken – vom Kauf wiederverwertbarer Tüten bis zur Reduktion des Streaming-Konsums. An der Produkterkennung wird laut utopia.de noch gearbeitet. Sobald diese wirklich funktioniert, würde die App zu einem wertvollen Begleiter. Denn sie könnte dann bei jedem Einkauf transparent machen, welche Auswirkungen er aufs Klima hat. Wenn wir uns anschauen, wie beliebt Fitness-Apps aktuell sind, sehen wir auch für eine spielerisch motivierende App, die uns fit in Sachen Klima macht, enormes Potenzial.

Mit entscheidend für den Erfolg der Finn*innen war auch die Klimabewegung, heißt es im SWR2-Beitrag. Das motiviert – uns auf jeden Fall, Euch hoffentlich auch: Schickt uns Unterstützerunterschriften, werdet Mitglied bei der KlimalisteBW. Gemeinsam schaffen wir’s!

Hier geht’s zur Website der Klimakompass-App.