Donnerstag, 22. April 2021, 09:18 Uhr
von Michael

Girls' Day: Schluss mit dem Gender Gap! (von M. Lauinger)

Anlässlich des heutigen Girls' Day werfen wir einen Blick auf eines der ersten Interviews mit Annalena Baerbock, der frisch gekürten Kanzler*innenkandidatin der Grünen.
Bild von mohamed Hassan auf Pixabay

Die erste Frage mit der sich Annalena Baerbock bei RTL konfrontiert sieht, lautet: „Wie groß ist Ihre Sorge, dass Sie Kanzlerin werden könnten?“ Moment, wird jemensch nicht Kanzler*innenkandidat*in, um am Ende auch Kanzler*in zu werden? Und erinnert sich irgendwer, dass jemals Söder oder Laschet gefragt wurden, ob sie Angst hätten, am Ende wirklich Kanzler zu werden?

Ihr ahnt schon, was kommt. Die Erklärung zur Frage liefert der Fragende direkt im Anschluss: „Sie wären die erste mit einer jungen Familie.“ Ach so, deshalb! Frau Baerbock hat ja eigentlich gar keine Zeit, ein wichtiges politisches Amt zu bekleiden, hat sie doch Ehemann und Kinder zu Hause sitzen, die dringend ihre Aufmerksamkeit und Fürsorge benötigen.

Schon fühlen wir uns zurück in die 50er Jahre versetzt und stellen fest: Obwohl Frauen mittlerweile rechtlich gleichgestellt sind, kann von Gleichbehandlung immer noch keine Rede sein. Das gilt vor allem in Bezug auf die Rollenverteilung im privaten Raum und der Familie.

Unbezahlte und unsichtbare Care-Arbeit

Eine Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2019 (Quelle: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2019). Gender Care Gap – ein Indikator für die Gleichstellung.) hat ergeben, dass weiblich gelesene Personen durchschnittlich 52,4 Prozent mehr Zeit für Care-Arbeit (Sorgearbeit) aufwenden als männlich gelesene Personen. Die unbezahlte Care-Arbeit bleibt in der Gesellschaft meist unsichtbar und erfährt demnach sehr geringe Wertschätzung. Immer noch wird einfach erwartet, dass Care-Arbeit überwiegend von weiblich gelesenen Personen und aus selbstlosen Motiven verrichtet wird. Deshalb erwarten unverbesserlich Gestrige auch immer noch, dass sich selbstverständlich die Mutter hauptsächlich um Kinder und Haushalt kümmert. Schließlich werden Mütter wie Annalena Baerbock dann mit Fragen wie der oben genannten konfrontiert.

Der gesellschaftliche Druck ist enorm. Er schränkt Mütter in ihrer persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung extrem ein und hat fatale Folgen, etwa die finanzielle Abhängigkeit von einer zweiten Person.

Gravierend sind außerdem die Auswirkungen auf Berufe aus dem Gesundheitssektor und dem Bereich der sozialen Arbeit, also aus dem Bereich der bezahlten Care-Arbeit. Meist werden diese Berufe von weiblich gelesenen Personen ausgeführt und als „feminine“ Berufe gesehen. Es entsteht der Eindruck, dass Pflegekräfte einen Job haben, für den sie quasi geboren sind. Zudem werden diese Jobs schlecht bezahlt, und die mit ihnen verbundene Verantwortung und Belastung wird oft unterschätzt.

So fördert der Gender-Care-Gap automatisch den Gender-Pay-Gap, also das geschlechtsspezifische Lohngefälle. Weiblich gelesene Personen unterbrechen aufgrund ihrer Elternschaft ihre Erwerbszeit häufiger und länger, sie arbeiten zudem deutlich häufiger in Teilzeit oder in nicht sozialversicherungspflichtigen Jobs. Das geringere Einkommen führt wiederum zu geringeren Zahlungen in die Rentenversicherung und somit zum Gender-Pension-Gap, der geschlechtsspezifischen Rentenlücke. (Quelle:
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2011). Gender Pension Gap. Entwicklung eines Indikators für faire Einkommensperspektiven von Frauen und Männern.
)

Es ist wichtig, an dieser Stelle noch darauf hinzuweisen, dass die Gleichstellung der Geschlechter für die gesamte Gesellschaft unverzichtbar ist. Selbst dem cis Mann, der nur mit cis Männern befreundet ist, kommt das zugute. Denken wir nur daran, welches gerade in der Klimakrise benötigte Innovationspotential verloren geht, wenn die Hälfte der Bevölkerung gezwungen wird, beruflich kürzer zu treten. Schließlich ist davon auszugehen, dass jede*r zweite potentiell herausragende Wissenschaftler*in weiblich ist. Beispiele gibt es zuhauf, von Marie Curie über die ENIAC-Frauen in der Informatik bis zu Florence Nightingale, die als Mutter der modernen Krankenpflege unzählige Leben gerettet hat.

Der Weg zur Gleichstellung führt über das Sichtbarmachen unbezahlter Care-Arbeit. Außerdem müssen wir aufräumen mit der Festigung stereotyper Geschlechterrollen, wie sie in Erziehung und Sozialisation von Kindern immer noch weit verbreitet ist. Gerade am Girls' Day ist es wichtig, auf die immer noch herrschenden Ungleichheiten aufmerksam zu machen.