Dienstag, 18. Mai 2021, 19:02 Uhr
von Dr. Anne Newball Duke

Vier Anliegen einer solidarischen Care-Ökonomie. Eine Buchvorstellung von A. Newball Duke)

Was hat Care mit Klima zu tun? In ihrem neuen Buch denkt Gabriele Winker zusammen, was zusammengehört. Ihr Zukunftsbild umfasst verkürzte Arbeitszeiten, bessere Strukturen zur Unterstützung, mehr Beteiligung und eine Stärkung der Gemeinschaft.
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In den Debatten darüber, wie die Klimakrise wirkungsvoll einzudämmen ist, wird vor allem von feministischer Seite immer wieder tieferes Verständnis für die Wirkungsweisen eines patriarchal-kapitalistischen Gesellschaftssystems eingefordert. Noch immer gibt es viele Klima-Aktivisti und sonstige klimapolitisch engagierte Menschen, die die Ansicht vertreten, das Einbeziehen aller Menschen in die Sprache oder das Sichtbarmachen von Care-Arbeit habe nichts mit konsequentem Klimaschutz zu tun.

Klimagerechtigkeit wird in dieser reduzierten Sichtweise lediglich auf die Notwendigkeit bezogen, die heute ungleiche Verteilung der Folgen der globalen Erwärmung unter Berücksichtigung des Verursacherprinzips durch internationale Gesetze und Vorgaben auszugleichen.

Überbeanspruchung der Care-Arbeitenden – und der Ökosysteme

Dass hier ein ganzheitlicherer Blick notwendig ist, hat jüngst Gabriele Winker in ihrem neuen Buch „Solidarische Care-Ökonomie. Revolutionäre Realpolitik für Care und Klima“ (transcript 2021) eindrücklich dargelegt. Gabriele Winker war Professorin für Arbeitswissenschaft und Gender Studies. Sie ist Sozialwissenschaftlerin und Mitbegründerin des Netzwerks Care Revolution.

In ihrem Buch zeigt Winker auf, dass die Überbeanspruchung jener, die in dieser Gesellschaft die Sorgearbeit leisten, dieselben Ursachen hat wie die Überbeanspruchung der Ökosysteme und ihrer Stoffkreisläufe, auf denen alles Leben beruht. Sie erklärt anhand unterschiedlicher Untersuchungen, was genau passiert, wenn – wie im kapitalistischen System – die unentlohnte Sorgearbeit ebenso wie die Naturressourcen als unbegrenzt verfügbar gelten: Die Beachtung ihrer Grenzen wird nicht als Bedingung wirtschaftlichen Handelns anerkannt. In diesem Kontext wird ihre Bedeutung ausgeblendet und abgewertet; dies wiederum ist Voraussetzung für das Funktionieren der kapitalistischen Ökonomie. Die Folgen der Überbelastung von unentlohnter Arbeit und natürlichen Stoffkreisläufen werden erst dann in Form einer Krise sichtbar, wenn sie auf die Kapitalverwertung selbst zurückschlagen.

Keine Möglichkeit zum sorgsamen Umgang

Nach Winker besteht in der kapitalistischen Produktionsweise keine Möglichkeit eines grundlegend sorgsamen Umgangs mit sozialen Beziehungen und natürlichen Kreislaufprozessen. Zwar versuchen Unternehmen, Kapitalverbände und Staat gegenwärtig, die parallel verlaufenden Krisen im Rahmen dessen, was ihnen möglich ist, zu bearbeiten. Denn diese bedrohen auf Dauer sowohl den Fortgang der Kapitalverwertung als auch die Zustimmung der Bevölkerung zum politischen System. So werden Familien- und Gesundheitspolitik wie auch Klimapolitik zu Teilen eines Modernisierungsprojekts, das zugleich Wachstum und Rentabilität voranbringen soll. Diese Form der kapitalistischen Krisenbearbeitung reproduziert aber immer wieder die Faktoren, welche die Krisen ursächlich erst hervorgebracht haben (zum Verständnis der Ursachen dieser Krisen empfehle ich Ernst Lohoff und Norbert Trenkle: Die große Entwertung von 2018).

Winkers nun angebotene Transformationsstrategie steht daher ganz im Zeichen des von Klimaaktivisti wie den Fridays for Future (FFF) geforderten System Change. Zunächst einmal führt sie aus, dass die Sorgebeziehungen zu Freund*innen und Angehörigen, Bekannten und Mistreiter*innen sehr bedeutsam sind für ein gutes Leben aller Würdeträger*innen dieser Welt. Diese haben Winker zufolge einen bisher noch viel zu unterschätzten Einfluss auf die Entwicklung politischer Transformationsprozesse. Das Streben nach wechselseitig guten (Sorge-)Beziehungen ist ein menschliches Grundbedürfnis. Um politisch Einfluss und Durchsetzungsfähigkeit zu gewinnen, ist es zudem wichtig, neue Kontakte zu knüpfen und die Netze zu erweitern.

Nur wenn Menschen sich neu begegnen, sich austauschen, über ihre Lebenssituationen, aber auch ihre Träume sprechen und in ihren Erfahrungen und Überlegungen ernst genommen werden, können diese in ihr politisches Engagement fließen. Für ein langfristiges gemeinsames Streiten – etwa care- und klimabewegter Gruppen – müssen alle Beteiligten ihre Anliegen berücksichtigt finden. Auf dem Weg zu einer umfassenden Bedürfnisbefriedigung ist die Erweiterung der Handlungsfähigkeit unabdingbar. Um sich aber tatsächlich in der gesellschaftlichen Realität gegen Ausbeutung, Erniedrigung, Diskriminierung und Unterdrückung wehren zu können, bedürfen Menschen der Unterstützung anderer – der Solidarität.

Wie sieht die Gesellschaft der Zukunft aus?

Zudem muss viel mehr darüber diskutiert werden, wie eine zukünftige Gesellschaft aussehen sollte, für die es sich einzusetzen lohnt. Denn nur ausgehend vom Ziel lässt sich bestimmen, welche politischen Schritte die Gesellschaft in diese Richtung voranbringen. Fehlt dieses Ziel, bleibt häufig nur noch eine Reformpolitik übrig, die zwar materielle Verbesserungen für eine Gruppe durchsetzen kann, dabei aber unter Umständen ignoriert, dass diese auf dem Rücken anderer geschieht oder mit der Zerstörung von Ökosystemen (anderswo) einhergeht.
Im Zentrum der Transformation muss nach Winker der Aufbau einer solidarischen Care-Ökonomie stehen. Für diese transformative Politik sieht Winker vier zentrale Anliegen:

Erstens die drastische Verkürzung der allgemeinen Erwerbarbeitszeit, die mehr Zeit für Sorgearbeit verfügbar macht und zudem den Rückbau ökologisch schädlicher Produktion ermöglicht. Am Ende dieser Entwicklungen steht die Infragestellung einer besonderen entlohnten Sphäre der Arbeit.

Zweitens ist gleichzeitig der Aufbau einer solidarischen Unterstützungsstruktur wichtig. Diese sichert individuell das Leben jeder Person ab und stellt auf unterschiedliche Bedürfnisse zugeschnittene Angebote zur Verfügung, insbesondere für Menschen mit hohem Sorgebedarf oder umfangreichen Sorgeaufgaben. Das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE), das die Existenz absichert und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht, ist hier ein zentraler Ankerpunkt. Ein BGE würde es vielen Menschen ermöglichen, sich für Neues zu öffnen und alternative Lebensformen auszuprobieren.

Zudem ist es nach Winker unabdingbar, dass die Einführung des BGE mit der Durchsetzung eines hinreichend hohen Mindestlohns verbunden wird. Neben der finanziellen Absicherung jedes Menschen ist der Aufbau einer öffentlichen sozialen Infrastruktur (Bildung, Gesundheitswesen, bezahlbarer Wohnraum) notwendig, dazu der Abbau fossiler Strukturen. Je mehr Dienstleistungen unentgeltlich oder – wie bei Wohnungen – vergünstigt zur Verfügung gestellt werden, desto geringer ist die Bedeutung der Höhe des individuellen Einkommens für die gesellschaftliche Teilhabe.

Drittens sind demokratische Strukturen vor Ort notwendig, damit die Bedürfnisse tatsächlich aller wahrgenommen werden und auch alle über die Gestaltung des Zusammenlebens mitentscheiden können. Im Zusammenhang mit Sorge wird Demokratie kaum diskutiert. Denn noch immer werden Sorgebedürftigkeit und umfangreiche Sorgeaufgaben häufig als individuelle Schicksale behandelt. Entsprechend gibt es in den Care-Bereichen kaum institutionalisierte demokratische Beteiligungsprozesse.

Die Zusammenarbeit über Sorgepositionen hinweg ist des Weiteren unabdingbar, um zu einem ökologisch nachhaltigen Umbau der Ökonomie zu kommen. Dazu braucht es eine Politik, die Beschäftigte sowie soziale und ökologische Bewegungen verbindet. Hier ist der Gegensatz zwischen den beteiligten Gruppen jedoch deutlich schärfer. Denn das Interesse an Arbeitsplätzen und damit Einkommen und Status einerseits und andererseits das Ziel, die Produktionsstruktur, innerhalb derer die Arbeitsplätze bestehen, durch eine ökologische zu ersetzen, prallen aufeinander.

Winker verweist hier auf eine längere Tradition von Konversionsdebatten und von Kontakten zwischen Gewerkschaft und Klimabewegung in der Autoindustrie, wo bereits Ansätze einer Diskussion zwischen Vertreter*innen einer grundlegenden Neuorganisation der Mobilität sowie Gewerkschafter*innen und den FFFs bestehen.

Die Skandale der vergangenen Jahre und die gesellschaftlich breiter geführte Klimadiskussion haben dazu geführt, dass die Beschäftigten in der Autoproduktion nicht mehr bruchlos den Kurs der Unternehmen unterstützen. Ein ökologischer Strukturwandel wäre hier möglich. Was es dazu braucht? Zunächst garantierte und finanziell abgesicherte Umschulungsmaßnahmen. Dazu die gesellschaftliche Aufwertung und bessere Entlohnung von Arbeitsplätzen in sozialen Dienstleistungen. Und nicht zuletzt eine Beteiligung der Beschäftigten an Projekten betrieblicher und regionaler Konversion. Aufwertung und Beteiligung können als Ansatzpunkte gesehen werden, um die Zustimmung der Beschäftigten in vom Umbau betroffenen Betrieben zu gewinnen. Zugunsten derlei demokratischer Entscheidungen plädiert Winker für die Vergesellschaftung all derjenigen Einrichtungen, die keine umfassende Mitsprache der Bevölkerung und der Beschäftigten erlauben. Das betrifft Krankenhäuser und Pflegeheime ebenso wie Energiekonzerne, Wohnungsbaugesellschaften und Verkehrsunternehmen. In einer solidarischen Gesellschaft hält sie Räte wie Care-, Mobilitäts-, Energie- oder Ernährungs-Räte für sinnvoll.

Viertens gilt es, Gemeinschaftsprojekte bzw. Commons zu organisieren und zu unterstützen. Diese zeigen bereits heute als Leuchttürme, dass ein anderes Leben möglich ist, in dem sorgsam mit sozialen Beziehungen und ökologischen Ressourcen umgegangen wird. In den Projekten können sich Familien und Einzelpersonen zu größeren Gemeinschaften zusammentun. Auch soziale Netze aus Freund*innen, Verwandten und Nachbar*innen sind möglich. Die Arbeit, die in einem solchen Projekt ausgeführt wird, ist auf Beziehungen ausgerichtet und auf den Gebrauchswert hin orientiert. Hieraus können sich neue Horizonte für vielfältige Lebensweisen jenseits patriarchal-kapitalistischer Lebensweisen eröffnen.

Sorgende Haltung einnehmen

Dass wir aufeinander angewiesene, verletzliche Wesen sind, erscheint dann nicht mehr bedrohlich, sondern kann positiv erlebt werden. Zudem können sich in einer solidarischen Gesellschaft, die einen sorgenden Bezug und ein solidarisches Handeln nahelegt, neben der freien Wahl des eigenen Beitrags auch die eigenen Potenziale voll entfalten. Ein solcher Umgang miteinander benötigt jedoch nicht nur einen anderen gesellschaftlichen Rahmen, sondern auch lange Prozesse des Lernens. Diese sollten in den rudimentären Formen, die derzeit möglich sind, erprobt werden. Auch deswegen ist es so wichtig, heute bereits eine sorgende Haltung gegenüber Menschen, aber auch gegenüber der nicht-menschlichen Welt einzunehmen und zu üben.

Ein besseres Leben finden

Eine soziale und ökologische Wende erfordert Ausdauer und vielleicht die Hoffnung der Bremer Stadtmusikant*innen, die selbst im Alter noch losziehen, um ein besseres Leben zu finden – mit Erfolg. Eben noch sollten sie getötet werden und ihnen damit in der allerdrastischsten Form die Zukunft verwehrt werden. Doch sie nehmen ihre Zukunft selbst in die Hand und lernen, dass ihr Leben reicher und erfüllter wird, vor allem dann, wenn dabei alle Beteiligten ihren Bedürfnissen nachgehen können.

Auszubrechen aus dem Gewohnten, sich Zeit für sich und füreinander zu nehmen und sich gemeinsam als wirkmächtig zu erleben, kann glücklich machen. Dies gilt insbesondere dann, wenn nicht Erwartungen und Normen im Zentrum stehen, sondern das Interesse an der anderen Person. Aus jedem kleinen Schritt können sich weitere entwickeln, wenn sich die Augen und Ohren daran gewöhnen, nicht auf Vorteil und Konkurrenz zu achten, sondern auf Sorge und Solidarität.