Samstag, 10. Juli 2021, 15:35 Uhr
von Uwe

IW-Studie zum CO₂-Fußabdruck: Analyse eines Ablenkungsmanövers

Das industriefreundliche Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW) fordert uns auf, gefälligst unseren CO₂-Fußabdruck zu reduzieren. Das ist natürlich ein Ablenkungsmanöver. Wir haben uns die vier vorgeschlagenen Maßnahmen trotzdem angeschaut.
Grafik: Umweltbundesamt, März 2021

Zur dringend nötigen Einordnung der Vorschläge haben wir oben eine Grafik des Umweltbundesamtes (UBA) eingefügt, in der die Emissionen durch CO₂-Äquivalente (im Folgenden verkürzt als „CO₂“ bezeichnet) nach Kategorien dargestellt werden. Der Anteil „Haushalte und Kleinverbraucher“ ist in Grün dargestellt. Was auf den ersten Blick klar wird: Emissionen lassen sich insbesondere durch Umstellung auf erneuerbare Energien reduzieren. Außerdem durch einen klimafreundlichen Umbau der Industrie und das Ende des Verbrenners.

Das UBA bestätigt die Bedeutung des Energiesektors in den Erläuterungen zur Grafik. Die Menge an CO₂-Emissionen werde hauptsächlich von der Witterung bestimmt, in kalten Wintern steigen die insgesamt abnehmenden Emissionen immer leicht an. Zur insgesamt zu verzeichnenden Abnahme schreibt das UBA: „zusätzlich drückt der stetige Rückgang der Emissionen aus der Energiewirtschaft das Emissionsniveau ab dem Jahr 2014 deutlich.“

0,6 Tonnen von 11 Tonnen

Laut UBA wurden im Jahr 2020 (Vorjahresschätzung vom 15.03.2021) in Deutschland 858 Millionen Tonnen Treibhausgase (THG) emittiert (siehe Grafik unten).

Grafik: Umweltbundesamt, März 2021

Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt damit bei etwa elf Tonnen pro Jahr. Um die Erderhitzung auf 1,5 Grad zu begrenzen, müssen wir unseren CO₂-Fußabdruck auf unter eine Tonne reduzieren. An diesen Zahlen kommt auch das IW nicht vorbei. In der Pressemitteilung des IW heißt es, würden die Bürger*innen die vorgeschlagenen Maßnahmen umsetzen, „könnte sich der individuelle Fußabdruck an Treibhausgasen um etwa 0,6 Tonnen CO₂-Äquivalente jährlich reduzieren“.

0,6 Tonnen von 11 Tonnen, das zeigt wieder einmal: Klimafreundlich zu leben ist wichtig. Den privaten Konsum nachhaltiger zu gestalten, wird aber auf keinen Fall ausreichen, um die Klimakatastrophe aufzuhalten.

Die Maßnahmen: Weniger wegwerfen, weniger Fleisch, weniger fliegen

Hier listen wir dennoch die vom IW empfohlenen Maßnahmen auf, denn die Zahlen sind ganz interessant. Die Berechnungen erscheinen auch realistisch. Es kommt aber drauf an, welche Schlüsse daraus gezogen werden.

Lebensmittel: Werden in deutschen Haushalten nur noch halb so viele Lebensmittel weggeworfen, sparen wir laut IW 6 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr. Das ist logisch, denn das Wegwerfen ist ja ein Zeichen dafür, dass schlicht zu viel eingekauft wurde. Sinkt der Gesamtbedarf, sinken auch die Emissionen für Anbau, Transport und Kühlung.

Fleisch: Nur 20 Prozent weniger Fleisch pro Jahr – und schon hätten wir alleine dadurch 10 Millionen Tonnen CO₂ gespart, sagt das IW. Das liegt hauptsächlich am Methan, das 25 Mal klimaschädlicher ist als CO₂. Das IW rechnet übrigens damit, dass statt Fleisch dieselbe Menge „Fleischersatz“ verbraucht würde. Motto: Bloß nicht den Anschein erwecken, man wolle hier zum Verzicht aufrufen.

Kleidung: Auch hier ein Fünftel weniger, schon könnten wir laut der Studie 12 Millionen Tonnen CO₂ sparen. Interessant: Nach Angaben des IW kaufen die Deutschen pro Jahr im Schnitt 56 Kleidungsstücke. Auch wir wollen hier nicht Verzicht predigen, aber über diese Zahl kann Mensch ruhig kurz nachdenken, oder?

Innerdeutsch fliegen: Hier können wir vorbehaltlos zustimmen, denn der Bahnverkehr muss ohnehin ausgebaut werden, auch um den Autoverkehr zu reduzieren. Laut IW, das sich auf eine Zahl von 2019 beruft, würde das Ende des innerdeutschen Fliegens etwa 2 Millionen Tonnen CO₂ sparen.

Unser Fazit: Natürlich können wir alle dazu beitragen, CO₂ zu sparen. Zumal die vom IW vorgeschlagenen Maßnahmen weitere positive Auswirkungen hätten. Jeder Schritt in Richtung Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung geht in die richtige Richtung.

Wir haben aber auch gesehen: Das IW macht sich die Sache viel zu einfach, denn die Bürger*innen allein werden das Klima natürlich nicht retten. Dazu brauchen wir 100 Prozent erneuerbare Energien in kürzester Zeit, ein schnelles Ende des Verbrenners, einen Umbau der Landwirtschaft und viele weitere Maßnahmen, die insbesondere Wirtschaft und Industrie betreffen. Hier wurden in den vergangenen Jahrzehnten dem Profitstreben die Umwelt und das Klima geopfert. Hier sind die großen Hebel, an denen wir ansetzen werden, wenn wir bei der Bundestagswahl ins Parlament einziehen.

PS: Damit Ihr wisst, wie das IW sonst so tickt, hier noch ein ein besonders schlagendes Beispiel für die Ausrichtung des Instituts: In dieser Studie wird festgestellt, dass die Rente künftig nur gesichert werden kann, wenn alle Menschen arbeiten, bis sie 70 Jahre alt sind.

Warum das völliger Quatsch ist, steht zum Beispiel bei Jacobin. Viel Spaß beim Lesen und ein schönes Wochenende!