Mittwoch, 23. Dezember 2020, 17:18 Uhr
von Uwe

Sind wir radikal – oder der Aufsichtsratschef von Bosch?

Menschen, die für das 1,5-Grad-Ziel kämpfen, wird gerne vorgeworfen, dass sie radikal sind. Oder Utopisten, Spinner, Träumer. Heute zeigen wir Euch einen, der wirklich radikal ist – wenn es darum geht, die Realität zu leugnen. Anschnallen, bitte!
Futter für den Individualverkehr. Bild von Hans Rohmann auf Pixabay

Das wird nämlich ein holpriger Ritt durch eine Nachricht, von der Überschrift über den Inhalt bis zu dem, was dahintersteckt. Bleibt bei uns, wir starten. Um diesen Beitrag dreht es sich:

Fehrenbach: EU bevorzugt E-Auto zulasten des Klimas

1. Die Überschrift

Zwei Behauptungen stecken in der Headline: Zum einen, dass die EU die E-Mobilität cool findet. Und zum zweiten, dass das schlecht fürs Klima ist. Wir vermuten an dieser Stelle, dass es um die nicht zu leugnenden aktuellen Probleme bei der Produktion der Stromer geht, die äußerst energieintensiv abläuft. Und wir denken: Schön, dass Franz Fehrenbach das Klima schützen will. Immerhin ist er Aufsichtsratschef von Bosch, davor war er Geschäftsführer.

Ein Verbündeter an höchster Konzernstelle? Super! Bestimmt plädiert er dafür, dass statt Elektromobilen künftig der ÖPNV, Fahrrad- und Fußwege gefördert werden. Womöglich fährt er selbst mit dem Rad ins Büro? Das ist unser Mann!

2. Der Inhalt

Leider löst sich unser Traum schon bei den ersten Zeilen des Textes in Luft auf. Denn scheinbar sieht Fehrenbach „Benziner und Diesel zu Unrecht am Pranger“. Elektroautos hält er noch nicht für marktreif, es sei total unfair, sie als Null-CO2-Fahrzeuge zu behandeln.

Da hat er zwar einen Punkt (siehe 1.). Allerdings nutzt er ihn nur, um gnadenlos die eigenen Interessen zu vertreten. Bosch ist die Nummer eins unter den Automobilzulieferern, 2018 machte der Konzern einen Umsatz von etwa 47,6 Milliarden Euro. Mit Elektroautos, die aus weniger Teilen bestehen, ist in Zukunft deutlich weniger verdient. Darum lässt Fehrenbach keine gute Schraube an den E-Mobilen. Zu wenig Ladestationen, Produktion mit Strom aus Kohlekraftwerken, menschenfeindliche Produktion bei Tesla – fehlt nur noch, dass sie Fußgänger frühstücken.

3. Was dahinter steckt

Sorry not sorry für die Übertreibung, es ist einfach zu ärgerlich. Denn Nachrichten wie diese hier sind keine, sondern beinharte PR der Automobilindustrie. Sie stehen jeden Tag in den Zeitungen, und Autofreunde wie Fehrenbach fahren rhetorisch nicht auf der Überholspur Richtung Zukunft, sondern auf eingefahrenen Gleisen. Womit wir beim Realitätsverlust angelangt sind.

Wissenschaftler sind sich mit überwältigender Mehrheit einig: Nur durch Reduktion des Individualverkehrs lässt sich die Klimakatastrophe zumindest abmildern. Wir fordern daher eine echte Verkehrswende, die sich konsequent am 1,5-Grad-Ziel orientiert. Keine Lippenbekenntnisse, keine Ablenkungsmanöver (Fehrenbach liebt Wasserstoff!) und keine Forderungen der Industrie, die den Status Quo zementieren sollen. Letztendlich will Fehrenbach kein Auto weniger auf den Straßen sehen. Damit verschließt er die Augen vor dem unverzichtbaren Umbau unserer Transportsysteme – und davor, dass er die Zukunft ganzer Generationen aufs Spiel setzt.

Gerne würden wir mit Menschen wie Fehrenbach diskutieren. Aber Diskussionen machen eben nur Sinn, wenn beide Seiten bereit sind, die Realität zu akzeptieren und ihre Meinung zu ändern. Der Artikel zeigt nur, dass die Automobilindustrie beides nicht kann oder will. Das ist Realitätsverleugnung, wie sie im Buche steht. Wir fürchten, sie könnte katastrophale Folgen haben.