Donnerstag, 10. Juni 2021, 14:37 Uhr
von Uwe

Bitte keine Scheinlösungen oder Der passende Schnorchel (v. G. Mennicken)

Mitgründer Gregor Hagedorn hat auf dem Online-Jahreskongress 2020 von Scientists for Future mit Recht auf die Gefahr psychologischer Scheinlösungen im Klimaschutz hingewiesen. Leider sind diese aktuell in Wirtschaft und Politik weit verbreitet.

Was hat es mit diesen Scheinlösungen auf sich? Die meisten Menschen wollen auch morgen in den Spiegel blicken können und rechnen sich selbst „zu den Guten“. Niemand mag sich selbst als Charakterschwein einsortieren. Unser Gewissen und unsere Selbstachtung gestatten es uns daher nicht, untätig zu bleiben, wenn andere Menschen in Not sind. Wir möchten zumindest „etwas tun“. Dieses „etwas tun“ reicht leider manchmal nicht aus, um die Situation wirklich nachhaltig zu verbessern, aber es lässt uns wieder ruhig schlafen. Eine solche Scheinlösung ermöglicht uns also eine Flucht, um nicht tatsächlich tun zu müssen, was notwendig ist. Scheinlösungen sind extrem gefährlich, weil sie wirksames Handeln geradezu torpedieren. Ein Beispiel...

Sie sind Nichtschwimmer*in, Sie gehen an einem flachen See vorbei und wollen gerade auf dem letzten freien Stuhl im Biergarten Platz nehmen. Jetzt entdecken Sie, im See droht ein Mensch zu ertrinken! Werfen Sie dem armen Kerl einen 35 cm langen Schnorchel zu, ist er sofort gerettet (eine wissenschaftliche Tatsache). Es steht also genau fest, was zu tun ist. Allerdings müssten Sie dafür sofort(!) einige 100 Meter rennen, im Sportgeschäft 40 EUR auf den Tresen knallen, den Schnorchel aus dem Regal reißen, zurückrennen und den Menschen retten. Sie müssten also sofort handeln, ihre Bequemlichkeit überwinden, etwas von ihrem Geld abgeben und den letzten freien Platz im Biergarten sausen lassen.

Da sehen Sie einen 20 cm langen Schnorchel am Ufer liegen. Sie reden sich ein, dass der Ertrinkende damit schon irgendwie klarkommen wird. Muss er sich halt ein bisschen anstrengen. Sie werfen also den viel zu kurzen Schnorchel ins Wasser, wenden sich ab und trinken - ohne den See weiter zu beachten – ihr kühles Bier.

Es braucht entschlossenes Handeln

Fakt ist, wir müssen die Erderhitzung zwingend bei 1,5 Grad Celsius, allerhöchstens bei 2 Grad Celsius stoppen. Jedes zehntel Grad über der 1,5-Grad-Grenze bedeutet hierbei einen riesigen Unterschied! Zudem müssen wir in der Klimakrise gefährliche Kipppunkte vermeiden! Denn sie können das ganze Klimasystem nachhaltig und unumkehrbar aus dem Gleichgewicht bringen. Der Planet Erde wie wir ihn kennen wäre für unsere Kinder unwiederbringlich verloren.

Im politischen Diskurs beobachten wir, dass gerne ambitionierte Klimaziele angekündigt werden, so etwa beim neuen Klimaschutzgesetz der Bundesregierung. Was die Umsetzung angeht, wird aber so getan als ob kleine Schritte in die richtige Richtung ausreichen – der 20-cm-Schnorchel lässt grüßen. Aktuell beharren vor allem CDU/CSU und FDP darauf, dass Klimaschutz und wirtschaftliche Interessen gegeneinander abgewogen werden müssten und dass es ohne Kompromisse nicht gehe.

Darum betonen wir hier noch einmal ausdrücklich: Das Klimasystem verhandelt nicht! Wir sind ihm „egal“ – eigentlich ist Klimaschutz daher eher Menschenschutz. Entweder wir schaffen die Wende hin zum 1,5-Grad-Ziel oder Mensch, Umwelt und unsere Zivilisation sind dem Untergang geweiht. Für zögernde Politiker*innen scheint es sehr schwer zu sein, sich das vorzustellen.

Also bieten wir ihnen mit diesem Beitrag eine Eselsbrücke an: Denken Sie einfach an den Schnorchel! Eventuell sehen wir dann schnell wirksame Maßnahmen, die uns auf einen akzeptablen Weg Richtung Zukunft bringen. Sting hat einmal gesungen: „I hope the Russians love their children, too!“ Heute muss es wohl heißen: Ich hoffe, auch Politiker*innen und Firmenlenker*innen lieben ihre Kinder und Enkel!