Montag, 17. Mai 2021, 14:37 Uhr
von Uwe

Klimarettung ohne Energieimporte ist möglich – und sinnvoll!

Müssen wir Strom aus der ganzen Welt importieren, damit Deutschland klimaneutral wird? Expert*innen sagen nein – und empfehlen, dass wir unsere Energieprobleme durch Ausbau im eigenen Land lösen. Alles über die Gründe erfahrt Ihr hier.

Im ersten Quartal 2021 wurden in Deutschland laut dem Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) 40 Prozent des Stromverbrauchs durch erneuerbare Energien gedeckt. Im Jahr 2020 waren es 46 Prozent. Schwankungen sind hauptsächlich wetterbedingt, so war es zum Jahresbeginn 2020 extrem windig, zum Jahresbeginn 2021 eher windstill.

Warum ist gerade die Stromerzeugung so wichtig? Weil Strom auch für die anderen Sektoren unverzichtbar ist: Elektroautos brauchen ihn ebenso wie Wärmepumpen, er wird zur Produktion von Wasserstoff für die Industrie benötigt und für synthetisches Kerosin.

Laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE muss die Menge des erzeugten Stroms dafür im Vergleich zu heute um das Zwei- bis Zweieinhalbfache steigen. Eine komplett klimaneutrale Energieversorgung, also 100 statt ca. 50 Prozent, würde laut Fraunhofer ISE 296 Gigawatt (GW) Strom aus Windkraft und 450 GW Strom aus Photovoltaik erfordern. Das wäre das fünffache bzw. neunfache der aktuellen Zahlen.

Fehlendes Tempo beim Ausbau der Erneuerbaren

Befürworter von Energieimporten schlagen an dieser Stelle Alarm. Sie behaupten, der Energiebedarf müsse durch Lieferungen aus dem Ausland gedeckt werden. Siehe dazu etwa die Studie „Klimaneutrales Deutschland 2045“ von Agora Energiewende (Seite 22 ff.). Doch es gibt Potenzialanalysen, die das klar widerlegen. Zum Beispiel diese Untersuchung von drei Forschern aus Potsdam und Zürich. Sie gehen davon aus, dass Deutschland jährlich etwa 1.200 Terrawattstunden Strom aus Wind und Sonne produzieren könnte. Das wäre das zweieinhalbfache unseres aktuellen Bedarfs, der bei 500 Terrawattstunden liegt. Durch leistungsstärkere Anlagen könnten wir sogar laut den britischen Expert*innen von Aurora Energy Research bis zu 1.800 Terrawattstunden erreichen.

Wetterabhängig bleiben wir trotzdem, aber auch für die Schwankungen bei Bedarf und Erzeugung gibt es Lösungen. Wir brauchen intelligente Stromnetze und bessere Speichermöglichkeiten, etwa durch wasserstoffbasierte Technologien für den Hausgebrauch.

Nicht zuletzt werden Import und Export von Strom durchaus mitgedacht werden müssen – allerdings auf europäischer Ebene. Irgendwo weht schließlich immer der Wind oder es scheint die Sonne.

Im Gegensatz dazu ist weitergehenden Importen etwa von Ökostrom oder grünem Wasserstoff aus den folgenden Gründen eine klare Absage zu erteilen:

  • Länder wie Saudi-Arabien oder Marokko benötigen ihre regenerativen Energien in absehbarer Zeit selbst, um klimaneutral zu werden. Deutschland läuft laut Goethe-Institut ohnehin Gefahr, eine Art Klima-Kolonialismus zu betreiben. Eine Importstrategie könnte diese Entwicklung noch verstärken.
  • Die Technologien, die etwa für die Herstellung von Wasserstoff mit Ökostrom benötigt werden, verbrauchen Unmengen des gerade in den genannten Ländern knappen Rohstoffs Wasser.
  • Die für Erzeugung und Transport der Energie zu schaffende Infrastruktur wäre extrem teuer, außerdem würde der Aufbau teilweise länger dauern als sich selbst mit den Klimazielen der Bundesregierung vereinbaren lässt (Klimaneutralität 2045).
  • Deutschland ist aktuell teilweise abhängig von Ländern wie Russland oder Saudi-Arabien, was die Energieversorgung angeht. Die Energiewende darf nicht so gestaltet werden, dass wieder Abhängigkeiten entstehen, die Deutschland letztendlich erpressbar machen.

Vollständige Reduktion ist möglich – wenn die Politik jetzt handelt

Wir fordern eine Strategie, welche die genannten Faktoren für eine weitgehend in Deutschland umsetzbare klimaneutrale Stromproduktion kombiniert. Dies steht in direktem Gegensatz zur naiven Technologiegläubigkeit und der nationalen Arroganz der aktuellen Bundesregierung, die bei der Umsetzung auf Länder wie Saudi-Arabien setzt. Laut Fraunhofer ISE ist eine vollständige Reduktion der CO₂-Emissionen bis 2035 möglich.

Auch die Bundesregierung weiß das, doch sie scheut die Konflikte, die bei einer konsequenten Energiewende zu lösen wären. Wir brauchen schnellere Genehmigungsverfahren für Windräder, mehr Flächen, eine Photovoltaik-Pflicht für Neubauten und weitere Maßnahmen, die sofort angegangen werden könnten. Doch wie immer schwadronieren Peter Altmaier und Co. lieber von Zukunftstechnologien wie Wasserstoff statt das Problem hierzulande bei der Wurzel zu packen. Es wird Zeit, dass sich das ändert. Die Wege sind vorgezeichnet, die Politik muss sie gehen.

PS: Tiefengeothermie, Biomasse und Wasserkraft haben wir aus den Betrachtungen ausgeklammert, da sie aus unserer Sicht nicht entscheidend zu einer schnellen Energiewende beitragen können.

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