Samstag, 17. Juli 2021, 21:15 Uhr
von Uwe

Flutkatastrophe: Mitten in der Klimakrise – Kommentar und Hintergründe

Zur verheerenden Hochwasserkatastrophe: ein Kommentar und einige Hintergründe. Wir fordern aktuelle Hilfe für die Betroffenen und endlich ein Umdenken in der Politik: Klimaschutz muss oberste Priorität haben – sofort und parteiübergreifend.

Unser Parteimitglied Guido Mennicken ist selbst in NRW aufgewachsen und hat als Kind viel Zeit auf einem Campingplatz an der Ahr verbracht. Wenn man weiß, wie friedlich die Ahr sonst in ihrem Bett fließt, schockieren die aktuellen Fernsehbilder um so mehr. Hier sein Kommentar:

Zeit für Grundsätzliches

Mindestens 133 Tote (Stand am heutigen Samstag, 20 Uhr), weit mehr Vermisste, zehntausende überflutete oder unterspülte Häuser: Fassungslos blicken wir auf die schrecklichen Verwüstungen, die der Starkregen angerichtet hat. Die Überschwemmungen in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Belgien und anderswo sind für die Betroffenen schrecklich, denen wir alles Gute und viel Kraft wünschen. Zugleich mit den bedrückenden Bildern dringt eine Erkenntnis in viele Köpfe ein: Wir leben in der Klimakrise und Extremwetter, sei es 49,6 Grad Hitze wie jüngst in Kanada oder 148 Liter Regen pro Quadratmeter in 24 Stunden bei uns, wird in Zukunft immer häufiger auftreten.

Wir spüren also gerade am eigenen Leib, welch verheerenden Folgen die Veränderung des Klimas hat. Daher ist es genau jetzt an der Zeit für ein paar grundsätzliche Worte.

Wir betreiben Klimaschutz,
– damit nicht noch mehr Menschen an den Folgen der Klimakatastrophe sterben,
– damit nicht noch mehr Menschen ihr Zuhause verlieren,
– um Ökosysteme und die Schönheit der Natur zu schützen und
– um den blauen Planeten für unsere Kinder und Enkel zu bewahren.

Was wurde der Klimabewegung und den Klimalisten nicht alles unterstellt: Wir seien naiv, wir wollten andere bevormunden, es fehle uns die Wirtschaftskompetenz, etc.

Ich denke, die aktuellen Ereignisse zeigen, wie absurd diese Anfeindungen sind. Ja, wir wollen viele Bereiche des Lebens grundlegend neu gestalten – Industrie, Ernährung, Mobilität, Wohnen und die Landwirtschaft. Aber das tun wir, damit unser aller Lebensgrundlagen erhalten bleiben können.

Dafür fordern wir Sofortmaßnahmen wie ein Tempolimit, Anreizsysteme wie ein Klimageld, Preise, welche die Folgekosten einbeziehen und gezielte Verbote, etwa von Inlandsflügen. Mehr dazu findet Ihr in unserem Programm.

Was hat die CDU unter Armin Laschet selbst gegen allerkleinste Verbote geätzt! Dabei funktioniert jede freie Gesellschaft nur mit gemeinsamen Spielregeln. Eine Gesellschaft ohne Ge- und Verbote und ohne Normen, die das Miteinander regeln, wird Anomie genannt. In der Politik hat sich der Kampfbegriff Anarchie etabliert. Es wäre mir neu, dass die CDU neuerdings hierfür eintritt.

Die schlechten Nachrichten reißen unterdessen nicht ab. Die Opferzahlen steigen weiter und die Menschen in den Hochwassergebieten realisieren erst langsam, welchen Verlust sie erlitten haben. Die Solidarität bei den Aufräumarbeiten ist sehr ermutigend, hoffentlich hält sie auch für die Zeit des Wiederaufbaus an. Wir wünschen allen Betroffenen Kraft, viele hilfreiche Hände, Unterstützung auf allen Ebenen und einen guten Neuanfang!

Politisch gilt es anschließend, weitere Katastrophen dieser Art entschlossen zu verhindern – wo immer dies noch möglich ist. Wir rufen daher abschließend alle demokratischen Parteien auf, ihr Handeln umgehend der Klimakatastrophe anzupassen. Das heißt: Wir brauchen einen überparteilichen Konsens darüber, dass dem Klimaschutz absolute Priorität eingeräumt werden muss – in den nächsten Monaten, Jahren und Jahrzehnten.

Was ist zu tun? Kommentierte Links zu Flutkatastrophe und Klimakrise

Die Lage

Selbst erfahrene Klimawissenschaftler*innen sind entsetzt über die aktuellen Extremwetterereignisse. Dieter Gerten ist Professor für Klimasystem und Wasserhaushalt im Globalen Wandel an der Humboldt-Universität zu Berlin und Koordinator für Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Er sagt im Gespräch mit dem Freitag: „Wir scheinen nicht nur über dem Normalwert zu liegen, sondern in Bereichen, die wir – mit Blick auf die räumliche Ausdehnung und die Geschwindigkeit der Entwicklung – so nicht erwartet haben.“ Das Extreme ist bereits zur Regel geworden: Daniel Swain, Klimawissenschaftler an der Universität von Kalifornien in Los Angeles, sagt, dass es Rekorde in den USA nicht einmal mehr in die Nachrichten schaffen: „Die Extreme, die vor ein paar Jahren noch berichtenswert gewesen wären, sind es jetzt nicht mehr, weil sie im Vergleich zu den erstaunlichen Temperaturanstiegen von vor ein paar Wochen verblassen.“
freitag.de: Extreme Wetterlagen werden zunehmend normal

Immer mehr unbewohnbare Zonen: Weite Teile der Erde könnten im nächsten Jahrhundert für Menschen unbewohnbar werden, erläutert heise.de anhand aktueller Studien.
heise.de: Klimawandel: Wenn es zu heiß zum Überleben wird

Noch können wir handeln, sagt Claudia Kemfert, Leiterin des Energie- und Umweltbereichs am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Nach jahrzehntelangem Zögern gelte es nun, sofort Katastrophenschutz und Klimaschutz anzugehen.
klimareporter.de: „Jetzt verstehe ich, wovon Du immer redest“

Die Ursachen

Warum wirkte sich der Starkregen in der Eifel so katastrophal aus? Der SWR liefert Antworten.
swr.de: Wie das Hochwasser in der Eifel so katastrophal werden konnte

Die Konsequenzen

Mehr Klimaschutz, Feuchtgebiete renaturieren, Umsiedlungen: Die taz fasst zusammen, welche Konsequenzen aus der Flutkatastrophe gezogen werden müssen.
taz.de: Lehren aus der Flutkatastrophe – Wie sich Deutschland schützen kann

Höhere Benzinpreis? Weniger fliegen? Viele Menschen empfinden höhere Preise durch Maßnahmen fürs Klima oder Aufrufe zum Verzicht als Zumutung. Die Flutkatastrophe zeigt jetzt: Wer die Klimakrise ignoriert, muss mit wesentlich dramatischeren Konsequenzen rechnen.
taz.de: Was die Freiheit wirklich bedroht

Politik und Wirtschaft

„Die Politik hat versagt“: Klimaforscher Mojib Latif nimmt im Interview mit dem SWR kein Blatt vor den Mund.
swr.de: „Die Politik hat beim Klimaschutz versagt“

Eckart von Hirschhausen fordert ein Ende der Schonzeit für die Wirtschaft. In der ZDF-Talkshow von Maybrit Illner zitierte er den US-Wissenschaftler Guy McPherson: „Wer glaubt, dass Wirtschaft wichtiger ist als Gesundheit, kann ja mal versuchen sein Geld zu zählen, während er die Luft anhält.“
utopia.de: „Diese Priorisierung von Wirtschaft geht mir auf den Sack“ – Eckart von Hirschhausen wird deutlich

Druck auf Laschet wächst: Der Kanzlerkandidat der CDU und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen erweist sich in der aktuellen Situation als nicht krisenfest. Die Tagesschau fragt, inwieweit die Ereignisse den Ausgang der Bundestagswahl beeinflussen könnten.
tagesschau.de: Das Wetter ist politisch

Der Protest

Campact hat einen direkt an Armin Laschet gerichteten Appell gestartet: „Handeln Sie jetzt endlich und setzen Sie Klimaschutz in die Tat um!“ Ihr könnt ihn hier unterzeichnen:
Laschet: Schluss mit der Klima-Heuchelei!

Einen Überblick über geplante Demos und Aktionen rund um den Klimaschutz findet Ihr bei uns:
Fürs Klima auf die Straße: Die wichtigsten Termine bis September