Sonntag, 29. November 2020, 09:49 Uhr
von Uwe

Reden übers Klima – aber wie? (Tipps für Einsteiger*innen)

Keine Angst, das wird kein Kommunikationskurs. Ihr findet hier nur ein paar Tipps, wie wir (und alle anderen) unser Anliegen und unsere Botschaften in die Welt tragen können. Rhetorischer Aktivismus, sozusagen. Am Ende wird’s sogar revolutionär! ;)
Bild von StockSnap auf Pixabay

1. Was ist das Wichtigste?

Die „Reason Why“ der Klimaliste BW ist jedem klar. Trotzdem muss sie als Kernbotschaft überall verbreitet werden. Bitte bohrt dieses Brett, auch wenn Ihr glaubt, dass es jetzt wirklich jeder verstanden haben müsste. Wenn Ihr Talkshow-Blabla hört oder einfach nur die Politiker*innen-Statements in der Tagesschau, werdet Ihr feststellen: Ohne den Elevator Pitch geht es nicht. Jeder hat eine Botschaft, die er auf jeden Fall loswerden will. Das nervt beim Anschauen total, klingt meistens banal und abgedroschen.

Aber Ihr seht ja, Ihr könnt es damit in die Tagesschau schaffen.

Gerade wir als noch relativ neue Gruppierung kommen daher um einfache Botschaften nicht herum. Das gilt schon aus dem Grund, dass unsere potenzielle Zielgruppe (von der aus sollten wir immer denken) sehr divers ist. Zum Teil besteht sie aus Menschen, die das Thema jetzt erst entdecken und sich angesichts der Faktenfülle überfordert fühlen. Ihnen sollten wir den Einstieg erleichtern, indem wir einen Rahmen spannen (Beispiel: „Wir haben 40 Jahre geschlafen, jetzt muss Klimapolitik ganz nach oben auf jede Agenda“) und das 1,5-Grad-Ziel immer stolz vor uns her (oder auf dem T-Shirt etc.) tragen.

Bitte argumentiert, wenn Ihr nicht mit Expert*innen sprecht, immer voraussetzungsfrei. Haltet keine Monologe, sondern stellt zwischendurch und am Ende auch Fragen: „Was glauben Sie denn, was auf uns zu kommt?“, „Welche Informationen fehlen Ihnen?“, „Fühlen Sie sich überfordert von mir/vom Thema?“, etc.

Und bevor ich’s vergesse: Mit beinharten Klimaleugner*innen zu sprechen, ist sinnlose Energieverschwendung. ;)

2. Warum sind Details genauso wichtig?

Ihr stellt Nähe zum Gegenüber her, wenn Ihr über Einzelthemen und Einzelprojekte sprecht. Insbesondere über solche, die direkte Auswirkungen auf unsere unmittelbare Umgebung haben (Stadt, Gemeinde, Region, Land…). Auch das trägt entscheidend dazu bei, die Menschen bei ihrem Wissensstand abzuholen und ins Gespräch zu kommen.

Außerdem können wir gerade bei Einzelthemen mit Kompetenz und Detailwissen überzeugen. Das nimmt Kritiker*innen den Wind aus den Segeln. Leichter gesagt als getan, ich weiß. Gerade bei Einzelprojekten sind manchmal schon keine Bretter mehr zu bohren, sondern dicke Betonwände. Aber denkt dran, das geht der Gegenseite genauso. Und wer gewinnt am Ende den Marathon? Natürlich der mit dem längeren Atem!

3. Warum braucht es klare Handlungsempfehlungen?

Gerade im Gespräch mit Themeneinsteiger*innen ist es wichtig, konkrete Angebote zu machen. Ein Satz wie: „Wie wäre es, wenn Sie nur noch einmal am Tag tierische Produkte essen?“ reduziert Komplexität auf eine einfache persönliche Frage (Gruß an Jonathan Safran Foer).

Wie gesagt, das ist für den Einstieg wichtig. Vor dem Handeln kommt das Denken (naja, meistens) und dazu regt man am besten mit konkreten Vorschlägen an. Dass diese nicht gleich in Verbotsform formuliert werden sollten, versteht sich von selbst (Gruß an die Grünen).

4. Was sagt man den Hoffnungslosen?

Meine Bitte: Bleibt ehrlich und verzichtet auf Schönfärberei. Hier mein Antwortversuch, der sich in zwei Teile gliedert.

Erster Teil meiner Antwort: Wir müssen trotzdem alles versuchen, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Denn damit verhindern wir, dass es noch schlimmer wird.

Zweiter Teil meiner Antwort: Es ist trotzdem heute schon sicher, dass die Klimakrise verheerende Auswirkungen haben wird. Schließlich spüren wir das bereits an vielen Stellen. Wir müssen daher jetzt Schutzmaßnahmen planen.

Die Politik steckt in der Ignoranz-Falle: Aktuell sehe ich keinerlei ernsthafte Bemühungen irgendwo, Menschen vor steigenden Temperaturen oder Meeresspiegeln zu schützen. Weil die Politiker*innen dann einräumen müssten, dass es für ein komplettes Abwenden der Katastrophe zu spät ist. Kaum einer traut sich, das laut zu sagen. Also müssen wir laut werden. Ohne Panikmache, sondern konstruktiv und mit Blick auf die Verantwortung der heute Lebenden für die nächsten Generationen.

Denkt an Corona: Warnungen vor globalen Pandemien gab es genug. Hatten wir im März genügend Schutzmasken? Nein. Weil die Politik genauso versagt hat, wie sie es aktuell in der Klimakrise tut.

5. Realismus oder Revolution? Beides!

Wie Naomi Klein und viele andere glaube ich, dass wir fundamentale gesellschaftliche Veränderungen brauchen, um das Schlimmste zu verhindern. Wir brauchen eine Revolution. Naomi Klein nennt sie „Green New Deal“ (Titel ihres Anfang November erschienenen Buchs), vielleicht auch, weil das so schön ideologiefrei klingt. Wenn wir ehrlich sind, impliziert das Neue im New Deal aber ganz klar, dass der Kapitalismus ausgedient hat und durch irgendwas anderes ersetzt werden muss.

Das ist leider ein Gedanke, der viele Menschen erschreckt. Mich auch. Aber es kommt ja am Ende nicht drauf an, wie man die Sache nennt, es ist nur wichtig, was getan wird.

Ich könnte zum Beispiel statt „Revolution“ auch „Disruption“ sagen.

Das kann erläutert werden, viele kennen es ohnehin schon von der Digitalisierung und es klingt irgendwie harmloser. Obwohl es letztendlich auch bedeutet, dass alles anders wird.

Egal, wie Ihr es nennt, lasst ja nicht als Argument gelten, dass alles seine Zeit braucht. Das stimmt keineswegs! Naomi Klein hat schon 2014 darauf hingewiesen, dass die Staaten in der Finanzkrise durchaus drastische Maßnahmen aus dem Ärmel geschüttelt haben, wenn auch die falschen. Anderes Beispiel: Fukushima und der anschließende Atomstopp. Und noch klarer zeigt uns die Corona-Krise, wozu der Staat in der Lage ist, wenn er sich in einer existenziellen Krise wähnt. 750 Milliarden Euro Corona-Hilfen! Da sollte es doch auch möglich sein, ab nächstes Jahr Autos aus den Innenstädten zu verbannen und Inlandsflüge zu verbieten. Jaja, von mir aus mit Ausnahmeregelungen…

6. Fazit: Wenn Ihr übers Klima sprecht...

… steckt das Ziel klar ab,
… nennt Vor-Ort-Beispiele,
… gebt klare Handlungsempfehlungen,
… bleibt realistisch im Ausblick.

Und habt nie Angst davor, revolutionäre (oder disruptive) Maßnahmen vorzuschlagen und zu verteidigen.

Wenn nicht jetzt, wann dann???