Dienstag, 18. August 2020, 11:45 Uhr

„Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte.“ (Hans-Georg Gadamer)

Was alte Philosophen zu unserem Politikverständnis beitragen (oder: Mit Feminismus, Diversität und Empowerment zu tun haben) können. Auch dabei: Weshalb meine Abilektüre sexistisch war und wieso wir Quoten brauchen.

Politik ist ein immerwährender Dialog, der heute immer noch leider sehr stark von einigen lauten Stimmen geprägt ist. Dies zeigen Debatten wie über Frauen-Quoten oder den Black-Lives-Matter Protesten. Ereignisse an denen immer wieder deutlich wird, wie unsere westliche – mehrheitlich weiße und sehr stark männlich fokussierte Kultur - uns prägt. Wenn bei mir in der Schule mein Biologie-Lehrer nach dem türkisch-stämmigen Mitschüler mit den Worten fragt „Ist der schon wieder Teppiche kaufen?“ ist das rassistisch. Rechtsextreme Anschläge wie die Ereignisse in Hanau, oder auch nur der Alltagsrassismus, wenn ein 12-Jähriger mit tibetischen Wurzeln das Fahrrad seiner Tante durch die Stadt schiebt, dann aber angesprochen wird, dass er dieses doch geklaut hätte. Das ist rassistisch. Der Sexismus gegen Frauen ist heute subtiler als noch vor 60 Jahren. Dennoch macht er sich bemerkbar – vor allem im strukturellen Sexismus, der unsere Gesellschaft beherrscht: unterbezahlte Care-Berufe, Gender-Pay-Gap, Vorstände in DAX-Unternehmen. Einige Beispiele dazu finden Sie in dem Buch "Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert" von Caroline Criado-Perez, wo sie aufzeigt, dass Dummies für Crashtests bei Autos fast hauptsächlich den Standards eines mitteleuropäischen Mannes entsprechen und Frauen stärker gefährdet sind, in einem Autounfall zu sterben. Zudem zeigen Statistiken, dass schwarze Frauen in Amerika dreimal häufiger bei der Geburt sterben als weiße Frauen - eben weil das Stigma existiert, schwarze Frauen würden mehr "aushalten". Das und viele andere Beispiele gibt es, wenn man(n) genauer hinschaut.

Solche Dinge sind lösbar, dies ist die Aufgabe der Politik. Der Schlüssel aber zu einem friedlichen, gemeinsamen Zusammenleben ist gegenseitiges Verständnis. Gegenseitiges Verständnis entsteht dann, wenn man einander zuhört. Ich werde niemals als weiße Person nachvollziehen können, wie es ist, Rassismus zu erfahren. Dabei liegt es in meiner Verantwortung, innerhalb eines gesamtgesellschaftlichen Dialogs zu versuchen solche Erfahrungen nachzuvollziehen. Aber wie kann ein solcher Dialog funktionieren? Es liegt nicht in der Verantwortung von einer Person of Color (PoC) einer weißen Person Rassismus zu erklären - immer wieder aufs Neue. Daher ist es so wichtig, bei der Schaffung von Kultur, auf Ausgewogenheit zu achten. Frauen in der Politik stärken und sie ermutigen, ihre Sichtweise auf unsere männerdominierte Welt einzubringen. Es heißt aber auch, Traditionen in Frage stellen. Weshalb wurde uns im Gymnasium nichts von Emilie du Chatelet erzählt? Hauptsächlich männliche Philosophen behandelt? Meine Abiturlektüren waren alle von Männern geschrieben. Und dazu waren zwei der Werke - nämlich "Homo Faber" und "Agnes" von der ausschließlich männlichen Perspektive gedacht, die auch noch als Stilmittel missbraucht wird. Dabei sind diese Bücher höchst sexistisch und die Tatsache, dass diesen nicht zumindest ein anderes Buch, aus der weiblichen Perspektive, entgegenstand, ist eine Schande für das deutsche Schulsystem.

Um einer solchen Struktur entgegenzuwirken müssen wir unterschiedliche Blickwinkel berücksichtigen, die im gesellschaftlichen Kanon, bedingt durch eine sexistische und rassistische Gesellschaft, untergehen können. Daher ist es so wichtig, genau diese Personengruppen, die diskriminiert werden, gezielt durch FINTA*-Quoten und andere Mechanismen, zu fördern. Von Diversität profitiert die gesamte Gesellschaft – sie bereichert unsere Kultur, unsere Wirtschaft und vor allem: Unsere Politik.

Um auf den Titel zurückzukommen: Wenn wir wollen, dass ein Gespräch entsteht, in welchem gegenseitiges Verständnis existieren kann - so müssen wir diesen Dialog zunächst mit möglichst unterschiedlichen und diversenen Blickwinkeln anreichern um einander verstehen zu können.

Und wenn das nicht von selbst passiert (und das tut es nicht) brauchen wir Mittel um diese reale und fundamentale Darstellung von gesellschaftlich übergreifenden Lebensrealitäten zu erzwingen. Den Menschen zeigen: Hier ist ein Platz für dich, der deinem Blick auf die Welt zusteht. Nimm ihn dir, auch wenn die Gesellschaft dich ignoriert. Bring sie dazu, dir zuzuhören.