Samstag, 22. Mai 2021, 10:25 Uhr
von Uwe

Tag der Artenvielfalt: Geschützte Flächen, aber weiter große Verluste

Pünktlich zum heutigen Tag der Artenvielfalt haben die Vereinten Nationen den „Protected Planet Report“ für 2020 veröffentlicht. Der Inhalt lässt hoffen: In den vergangenen zehn Jahren wurde der Artenschutz deutlich verbessert.

Laut dem Protected Planet Report 2020 sind aktuell 22,5 Millionen Quadratkilometer Landflächen geschützt, außerdem 28,1 Millionen Quadratkilometer Wasserflächen. Das entspricht 16,6 Prozent beziehungsweise 7,74 Prozent der Gesamtflächen. Der Umfang der geschützten Flächen hat sich damit seit 2010 fast verdreifacht.

Allerdings wurden die Aichi-Ziele, welche die Grundlage für die UN-Initiative zum weltweiten Biodiversitätsschutz bilden, nicht ganz erreicht. Bis 2020 sollten 17 Prozent der Landflächen und 10 Prozent der Wasserflächen geschützt werden. Im Bericht heißt es, weitere knapp 9 Millionen Quadratkilometer Wasserflächen stünden kurz davor, zum Schutzgebiet erklärt zu werden.

Und doch: Kein Grund zum Aufatmen

Der heutige Aktionstag für die Artenvielfalt wurde bereits im Jahr 2000 durch die Vereinten Nationen eingeführt. Er dient dazu, dass wir uns die Bedrohung der Arten vor Augen führen, die trotz der erwähnten Anstrengungen weiter voranschreitet. Wissenschaftler*innen gehen davon aus, dass es weltweit zwischen 2 und 5 Millionen Arten von Tieren und Pflanzen gibt, manche gehen sogar von bis zu 15 Millionen Arten aus. Die Populationen reduzieren sich dramatisch. Der Living Planet Report des World Wildlife Fund (WWF) zeigt „einen durchschnittlichen Rückgang von Säugetieren, Vögeln, Amphibien, Reptilien und Fischen um 68 Prozent zwischen 1970 und 2016.“ Noch dramatischer sind die Zahlen für Gewässer und Feuchtgebiete. Hier liegt der Rückgang der Populationen bei 84 Prozent. Der WWF weist darauf hin, dass 90 Prozent der Feuchtgebiete, die im Jahr 1700 erfasst wurden, heute verschwunden sind.

Damit ist auch klar, wie Artenvielfalt und Klimaschutz zusammenhängen. Denn die Erderhitzung führt dazu, dass sich das Artensterben beschleunigt. Nur ein Beispiel: Erwärmen sich die Meere, geraten ganze Ökosysteme in Gefahr.

Es gibt noch weitere Zusammenhänge: Eine Hauptursache des Artensterbens ist die derzeitige Form der Landwirtschaft, deren Methoden gleichzeitig auch das Klima schädigen. Insgesamt führt die aktuelle Ressourcenübernutzung direkt in die Krise, sowohl was das Artensterben angeht als auch beim Klima. So werden – nur ein Beispiel – aktuell Regenwälder abgebrannt, um auf den Flächen unter hohem Dünger- und Pestizideinsatz Soja und Mais anzubauen, welche letztendlich als Futtermittel in Tierprodukten stecken, auch hierzulande.

Bei der Verfütterung geht aber ein Großteil des Proteins und der Kalorien verloren. Bei direkter pflanzlicher Ernährung wird viel weniger Fläche in Anspruch genommen, es wird viel weniger Lebensraum vernichtet und es werden viel weniger Treibhausgase erzeugt. Durch die enorme Flächeneinsparung wird auch der bei ökologischer Bewirtschaftung leicht erhöhte Flächenbedarf überkompensiert. Die Öko-Landwirtschaft weist zudem eine höhere Artenvielfalt auf den Äckern auf als sie beim Einsatz konventioneller Methoden möglich ist.

Außerdem begünstigt eine hohe Artenvielfalt, dass sich Ökosysteme an die Klimaerhitzung anpassen können und trägt zu deren Dämpfung bei. Noch nehmen Wälder und Ozeane einen Teil des menschengemachten Kohlendioxids auf, mit einem ungebremsten Artenschwund könnte diese Funktion nachlassen.

Eine umfassende Betrachtung der Zusammenhänge findet sich auch auf der Website des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung. Der Klimawandel laufe so schnell ab, dass sich viele Arten nicht genetisch anpassen oder ihre Wanderwege verändern könnten, heißt es dort. Zudem drohten die Interaktionen der Arten aus dem Gleichgewicht zu geraten. Dies könne etwa zu Ernteausfällen führen, wenn die Bestäubung nicht mehr gelänge.

Maja Göpel, Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), sagt dazu: „Die weltweiten Krisen in Umwelt und Gesellschaft sind kein Zufall. Sie offenbaren, wie wir mit uns und dem Planeten umgehen, auf dem wir leben. Wenn wir diese Krisen meistern wollen, müssen wir uns die Regeln bewusst machen, nach dem wir unser Wirtschaftssystem aufgebaut haben. Erst wenn wir sie erkennen, können wir sie auch verändern – und unsere Freiheit zurückgewinnen." (Quelle: WWF)