Mittwoch, 26. Mai 2021, 11:48 Uhr
von Uwe

„Querdenker“ gegen Klimaschutz – sind wir vorbereitet?

Die „Querdenker“ schwächeln, doch für die Klimabewegung bedeutet das nichts Gutes. Denn die demokratiefeindliche Bewegung könnte sich nach dem Corona-Ende dem Kampf gegen wirksame Klimapolitik verschreiben.
Die Klimabewegung muss sich wappnen – denn aus Corona-Leugner*innen könnten bald Klimawandel-Leugner*innen werden.

Foto von Markus Spiske von Pexels

Wenig Zulauf am Pfingstwochenende in Berlin. Nur etwa 1.200 statt der angekündigten 3.500 Demo-Teilnehmer*innen in Nürnberg am 15. Mai. Den „Querdenkern“, die sich dem Kampf gegen die angebliche „Corona-Diktatur“ verschrieben haben, geht aktuell ziemlich die Puste aus.

Im Beitrag „Querdenken“ am Boden“ schreibt der „Volksverpetzer“ dazu, die Demo in Berlin reihe sich ein „in eine Reihe von Rückschlägen und Enttäuschungen aus vergangenen Wochen“. Dazu gehört die Entscheidung des Verfassungsschutzes, die „Querdenken“-Bewegung in ganz Deutschland unter Beobachtung zu stellen.

Corona geht – gehen die „Querdenker“ mit?

Hauptgrund dafür, dass die Bewegung nicht mehr so viele Menschen mobilisieren kann, dürfte die Entwicklung in der Corona-Pandemie sein. Die Inzidenz sinkt, die Gastronomie öffnet wieder, ebenso Gewerbebetriebe und Einkaufszentren. Die von Redner*innen auf „Querdenken“-Demos häufig beschworenen Impftoten gibt es nicht. „Querdenken“ werde sich zum Ende der Pandemie „in seiner jetzigen Form auflösen“, vermutet der „Volksverpetzer“. Genau werden wir das im August wissen. Dann jähren sich die bislang größten Demos der demokratiefeindlichen Bewegung.

Nächster Halt: Leugnen der Klimakrise

Zur Entwarnung gibt es ohnehin keinen Grund. Denn die „Querfront aus Hardcore-Esoteriker*innen, Christ*innen und Faschist*innen“, so der „Volksverpetzer“, bleibe bestehen und werde sich nun neue Ziele suchen. Wo die liegen könnten? Uns schwant Böses. Denn die Hintermänner (uns sind aktuell nur Männer bekannt) der Verschwörungsfreund*innen könnten sich als nächstes Ziel die Klimapolitik vornehmen.

Josef Holnburger, Mitgründer der Organisation CeMAS, die mit Monitoring und Analysen gegen antidemokratische Bewegungen kämpft, hat auf Twitter ein Video geteilt, in dem der „Querdenken“-Anwalt Markus Haintz bereits „die grüne Klimadiktatur" heraufbeschwört.

Solche Aussagen liefern laut der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V. (GWUP) Indizien dafür, dass nach den Corona-„Querdenkern“ nun die „Klima-Querdenker“ kommen.

Der Gedanke liegt nahe. Denn der Klimaschutz ist aktuell das Wahlkampfthema Nummer eins – und das bleibt hoffentlich auch so, bis im September der neue Bundestag gewählt wird. Unvermeidlich wird in der Debatte sein, dass auch über Verbote, Einschränkungen, alternative Wirtschaftsformen, CO₂-Steuer etc. gesprochen wird. Also über viele Themen, die Esoteriker*innen, Besitzstandwahrer*innen und Rechtsradikale triggern können.

„Wissenschaft ist auch nur eine Meinung, oder gleich eine Lüge“

Das sieht auch Christian Stöcker so. Der Kognitionspsychologe schreibt in seiner Kolumne auf SPIEGEL online unter der Überschrift „Jetzt kommen die Klima-„Querdenker“, die angebliche „Klimalüge“ gehöre schon seit 2014 zum Fundus der Verschwörungstheoretiker*innen. Er beschreibt, was die jetzt als „Querdenken-Bewegung“ verstandene Gruppe verbinde:

„Damals wie heute wird das seltsame Potpourri von geteilten Behauptungen zusammengehalten: »Das Volk« wird belogen, es gibt eine globale Verschwörung, der auch die Bundesregierung und die Medien angehören, Russland ist gut, Amerika ist böse, Juden haben zu viel Macht, Wissenschaft ist auch nur eine Meinung, oder gleich eine Lüge.“

Sie werden „Klimalügner“ rufen

Bei uns sollten daher die Alarmglocken schrillen. Denn auf die ein oder andere Art wird jeder von uns sich im Wahlkampf engagieren, damit der Klimaschutz vorankommt. Wir müssen damit rechnen, auf erheblichen Widerstand zu treffen. Viele von uns haben das bereits beim Sammeln der Unterstützungsunterschriften für den Antritt zur Landtagswahl erlebt. Es gibt immer noch Zeitgenoss*innen, die den menschengemachten Klimawandel für ein Märchen halten. Dazu gibt es ein breites Spektrum an Kritiker*innen, die sich gegen einzelne Maßnahmen wenden und die jegliche Art von staatlichen Eingriffen ablehnen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es um ein Tempolimit geht oder um höhere Preise für Benzin, Fleisch oder fossile Energien.

Wie Ihr mit Leugner*innen des Klimawandels und Pauschalkritik umgehen könnt, lässt sich anhand vieler online verfügbarer Quellen recherchieren. Wir greifen beispielhaft den Beitrag des ZDF „Wie argumentieren gegen Verschwörungsmythen“ heraus, der die Tipps von Michael Butter zusammenfasst. Dessen Buch „Nichts ist, wie es scheint“ empfehlen wir ohnehin dringend!

Folgende Tipps werden beim ZDF erläutert:

  • Debunking – Entlarven falscher Erzählungen und Fakten
  • Medienkompetenz vermitteln
  • Muster von Verschwörungserzählungen aufdecken
  • Mitwisser-Problem aufzeigen (je mehr Mitwisser eine Verschwörung hat, desto eher müsste sie auffliegen)

Zuhören und sachlich bleiben – auch wenn's schwer fällt

Die Auseinandersetzung mit teilweise aggressiven Gegenübern erfordert vor allem drei Dinge: Nerven behalten, zuhören, sachlich bleiben. Es empfiehlt sich dann, einzelne Punkte zu widerlegen, nicht komplett dagegenzuhalten. Und denkt daran: Ausgewiesene Verschwörungsgläubige mit Argumenten zu überzeugen, gelingt selten, denn sie ignorieren Fakten, die nicht in ihr Weltbild passen. Aber bei Diskussionen im öffentlichen Raum können und sollten die sonstigen Zuhörer*innen erreicht werden. Viele Menschen zweifeln außerdem nur an einzelnen Maßnahmen oder Ideen zum Klimaschutz. Hier kann eine sachliche Diskussion ausgesprochen positiv wirken. Wir wünschen Euch auf jeden Fall viel Erfolg!

Weiterer Buchtipp: Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen von Katharina Nocun und Pia Lamberty.