Sonntag, 10. Januar 2021, 13:49 Uhr
von Uwe

Systemfragen, Teil IV: Konzeptwerk Neue Ökonomie – gerecht zum 1,5-Grad-Ziel

Um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, müssen wir die Gesellschaft umbauen. Davon geht der Verein Konzeptwerk Neue Ökonomie aus. Er setzt auf Bündnisse, Veränderung von unten, Bildung und einen Gegenentwurf zum kapitalistischen Wirtschaftssystem.
Bild von RitaE auf Pixabay

Unsere kleine Serie soll zur Diskussion rund um die Frage anregen: Wie müssen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft organisiert und strukturiert sein, damit Menschen möglichst effektiv das Klima schützen können?

Bisher erschienen:
Teil I: Gemeinwohl-Ökonomie
Teil II: Der Green New Deal
Teil III: Postwachstumsökonomie (Niko Paech)

Hier ein kurzer Überblick über die bisher vorgestellten Ansätze: Die Gemeinwohl-Ökonomie will das Profitstreben ersetzen durch ein kooperatives System, in dem das Wohl aller Menschen im Mittelpunkt steht. Der Green New Deal wird häufig als Umbau des bestehenden Wirtschaftssystems gesehen: Industrien, die von fossilen Energien abhängen, werden durch andere ersetzt, die auf erneuerbaren Energien basieren. Am Ende steht für viele Verfechter*innen des Green New Deal eine starke Gemeinschaft, in der das persönliche Wohlbefinden auch ohne Konsum gewährleistet ist. Die von Niko Paech entwickelte Postwachstumsökonomie ist ein Ansatz, der Reduktion (von Ressourcenverbrauch, Konsum, Arbeitszeit) und Eigeninitiative (Reparieren, Anbauen) verbindet.

Jede Menge Zündstoff

Ein „gutes Leben für alle“ ist das Ziel des 2011 gegründeten Vereins. Was naiv bis harmlos klingt, birgt jede Menge Zündstoff. Denn das Konzeptwerk geht davon aus, dass unser aktuelles Wirtschaftssystem zutiefst ungerecht ist, da es „Reichtum für Wenige, aber Ausgrenzung und Armut für Viele“ bringt. Durch die auf Wachstum fokussierte Politik und die Umweltzerstörung würde diese Kluft noch größer, zugleich vernichte das aktuelle System unsere Lebensgrundlagen.

In Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung hat das Konzeptwerk ein Szenario zur gesellschaftlichen Transformation vorgelegt. Das „Societal Transformation Scenario“ (STS) beschreibt einen „risikoarmen und sozial gerechten Klimaschutzpfad zur Einhaltung der 1,5°C-Grenze“.

Das Konzeptwerk setzt mit dem STS ein Zeichen gegen die grundlegenden Überlegungen, mit denen der Weltklimarat IPCC Wege zum 1,5-Grad-Ziel beschreibt. Der IPCC geht von weltweitem Wirtschaftswachstum aus, was einer Reduzierung der Emissionen eigentlich entgegensteht. Diesen Widerspruch will der IPCC durch Technologiesprünge lösen. Mehr Informationen zu Ansätzen wie dem Zurückholen des CO2 aus der Atmosphäre finden sich im Wikipedia-Artikel über negative Emissionen

Technologie plus Reduktion

Das Konzeptwerk ist keineswegs technologiefeindlich. „Natürlich brauchen wir Technik: Mehr Effizienz, erneuerbare Energien. Aber wir gehen auch davon aus, dass Gesellschaften sich verändern können und müssen, um sozial gerecht innerhalb der planetaren Grenzen zu wirtschaften“, sagt Kai Kuhnhenn, Co-Autor des STS. Das komplette Interview findet Ihr hier:

So bleiben wir sozial gerecht unter 1,5°C!

Das STS fokussiert auf drei zentrale Bereiche: Verkehr, Wohnen, Lebensmittel. Dabei lassen sich spannende Ergebnisse beobachten. So führt das Szenario im Bereich Transport in den Industrieländern zu einem nur um 3 Prozent geringeren Verbrauch von Endenergie. Ruth Kron, Pressesprecherin des Konzeptwerks, weist darauf hin, dass während des Corona-Lockdowns der Rückgang im Transportbereich bereits bis zu 50 Prozent betragen habe. Maßnahmen im Szenario sind eine Regionalisierung der Wirtschaft und die Verlagerung des Verkehrs vom Auto auf Alternativen wie ÖPNV, Fahrrad, etc.

Bessere Technik, Verzicht auf Geräte (etwa durch gemeinsame Nutzung in Wohnblöcken) und weniger Wohnraumfläche pro Person könnten bis 2050 den Energieverbrauch im Gebäudebereich um zwei Drittel verringern.

Würde in den Industrieländern bis 2030 durch einen Wandel in der Ernährung 60 Prozent weniger Fleisch konsumiert, ließen sich zudem große landwirtschaftliche Gebiete in natürliche Ökosysteme zurückführen oder nachhaltig bewirtschaften.

„Die Ergebnisse der Modellberechnung zeigen aufgrund eines Kaskadeneffektes durch die erstgenannten Sektoren auch in der Industrie einen starken Rückgang der Energienachfrage im globalen Norden um bis zu 50 Prozent“, heißt es in einer Pressemitteilung des Konzeptwerks zum STS.

Das Szenario geht außerdem davon aus, dass die reichen Industrieländer die Verantwortung haben, ihre Emissionen überproportional stark zu verringern – und damit Produktion und Konsum. Zugleich steigen diese im globalen Süden weiter, so dass laut Kuhnhenn bis 2050 eine Angleichung stattgefunden haben würde.

Globale Handlungsanleitung für die Politik

Aus unserer Perspektive wirkt das STS für viele vielleicht abschreckend, denn Verzicht ist nicht gerade beliebt. Doch das Konzeptwerk nimmt völlig zu Recht die weltweiten Entwicklungen in den Blick. Es gehe auch nicht darum, den oder die Einzelne*n zu Verhaltensänderungen zu bewegen, sagt Kai Kuhnhenn. Stattdessen müsse „die Politik einen Rahmen schaffen, der ein nachhaltiges Leben lebenswert und möglich macht“. Das STS enthält ein Kapitel, indem eine sozial und ökologisch gerechte Zukunft skizziert wird – mit weniger Konsum, aber mehr Sicherheit und mehr Lebensfreude.

Und die Umsetzung? Nach Überzeugung des Konzeptwerks kann die Transformation gelingen, wenn drei Handlungsfelder besetzt werden:

• Persönliches Verhalten hinterfragen
• Politischer Aktivismus
• Alternativen aufbauen und unterstützen

Klimaschutz ohne Einsatz riskanter Technologien und unter Berücksichtigung sozialer Aspekte ist möglich. Die KlimalisteBW unterstützt solche Ansätze ausdrücklich und fordert die Verantwortlichen zum Dialog auf: Es gibt Möglichkeiten, die Klimakrise zu entschärfen und zugleich globale Gerechtigkeit zu schaffen – wir müssen darüber sprechen und handeln, bevor es zu spät ist.