Dienstag, 04. Mai 2021, 11:20 Uhr
von Uwe

Alle Jahre wieder: HeidelbergCement vs Klimaschutz und Menschenrechte

Der Baustoffkonzern gehört zu den größten Profiteuren in der Klimakrise. Auf der Aktionärsversammlung am Donnerstag wird's nur Greenwashing geben, wir fordern daher: Reißt die Betonmauer ein, die den Weg zum 1,5-Grad-Ziel versperrt!
Grafik: Johanna Legnar

Laut Wikipedia ist HeidelbergCement weltweit die Nummer 1 bei Zuschlagstoffen und Transportbeton sowie Nummer 2 bei Zement. 60 Länder, 53.000 Mitarbeiter, 3.000 Standorte, 143 Zementwerke, die alljährlich 130 Millionen Tonnen Zement und Klinker produzieren können – das sind beeindruckende Zahlen zum Heidelberger Baustoff-Riesen. Auch was die Erträge angeht: 2019 wurde bei einem Umsatz von 18,9 Milliarden Euro ein Überschuss von 1,2 Milliarden Euro erzielt.

Das Problem: Gewinne wie diese gehen voll zu Lasten des Klimas. HeidelbergCement war zwischen 1988 und 2015 ganz allein für 0,08 Prozent der weltweit erzeugten Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Von solchen Zahlen dürfte vom virtuellen Podium der Aktionärsversammlung nichts zu hören sein. Diese findet am kommenden Donnerstag ab 10 Uhr statt, wir erwarten wie im Vorjahr eine Lehr- bzw. Leerstunde im gekonnten Greenwashing. Um diese Vermutung zu untermauern, genügt ein Blick auf die Website. Im Bereich Energie und Klimaschutz wird unter anderem versprochen: „Wir werden bis spätestens 2050 über unser gesamtes Produktportfolio hinweg CO₂-neutralen Beton anbieten.“

Dieses Versprechen, das mit Hilfe von „zementähnlichen Sekundärstoffen (inkl. Recyclingmaterialien)“ sowie durch die „Abscheidung und Nutzung oder zeitlich begrenzte Lagerung von CO2 (Carbon Capture & Usage/Storage, kurz CCU/S)“ gehalten werden soll, ist natürlich nicht freiwillig zustande gekommen. Es ist vielmehr eine Reaktion auf politischen Druck, denn Deutschland soll ja bis 2050 CO₂-neutral werden. Da schmückt es natürlich einen der weltweit größten Klimasünder ungemein, sich ein grünes Mäntelchen umzulegen.

Die Wahrheit steht in den Gegenanträgen des Dachverbandes der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre e.V. Köln: Für 2020 macht HeidelbergCement nicht einmal Angaben zu seinen Treibhausgasemissionen. Es sei abzusehen, so der Dachverband, „dass HeidelbergCement trotz leichter Treibhausgasreduktionen in 2020 weiterhin nach RWE das klimaschädlichste Unternehmen im Dax bleibt.“

Dass weder die Pläne der Politik noch die von HeidelbergCement ausreichen, um die Erderhitzung auf 1,5 Grad zu begrenzen, spielt für den Vorstand des hauptsächlich dem Stakeholder Value verpflichteten Konzerns keine Rolle. Der profitiert von den Emissionszertifikaten, die in Europa günstig zu haben sind statt ernsthaft an einem ökologischen Umbau zu arbeiten.

Betonköpfe gegen Menschenrechte

Der Dachverband fordert in seinem Gegenantrag, den Vorstand nicht zu entlasten. Dabei geht es auch um ein anderes Thema: Der Konzern setzt eine ganze Reihe von Projekten um, die erhebliche Risiken für die Menschenrechte mit sich bringen.

Seit dem vergangenen Jahr, als Klimaschützer*innen und Menschenrechts-Aktivist*innen anlässlich der Aktionärsversammlung protestierten, hat sich daran kaum etwas geändert. Im Gegenantrag des Dachverbands werden Projekte kritisiert, die wir hier kurz vorstellen – ausführlichere Infos findet Ihr zum Beispiel im Gegenantrag der Aktionär*innen (siehe Link oben).

  • Geplanter Bau einer Zementfabrik in Zentral-Java (Indonesien): Das Tochterunternehmen Indocement habe hier gegen die FPIC-Prinzipien (freie, vorherige und informierte Zustimmung) verstoßen, „da die indigene Gruppe der Samin nicht ausreichend in den Planungesprozess einbezogen wurde". Dazu kommen enorme Zweifel an der von Indocement durchgeführten Umweltverträglichkeitsprüfung.
  • Landgrabbing und Verletzung der FPIC-Prinzipien in Togo: Drei Unternehmen, an denen HeidelbergCement beteiligt ist, kaufen hier Ackerland, das von Kleinbäuer*innen bewirtschaftet wird. Die lokale Bevölkerung ist weder involviert noch wird sie angemessen für Pacht- und Ernteverluste entschädigt.
  • Unterstützung der völkerrechtswidrigen Besatzung der Westsahara durch Marokko: „Zwei der größten Zementmahlwerke in der Westsahara werden durch die Tochterfirma Ciments du Maroc betrieben, die das Grundmaterial für die Kolonisierung des Territoriums liefern.“ Die Projekte sind Teil der Siedlungspolitik Marokkos, die laut dem Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages eine Verletzung der Vierten Genfer Konvention und somit ein Kriegsverbrechen begründet.
  • Völkerrechtswidrige Geschäftstätigkeiten im Westjordanland: Aus dem Steinbruch Nahal Raba werden Materialien in die völkerrechtswidrigen israelischen Siedlungen verkauft und geliefert. Außerdem wurde 2020 das Transportbetonwerk in der Siedlung Atarot im annektierten Ost-Jerusalem wieder in Betrieb genommen. Es liefert Material nach Israel und mit großer Wahrscheinlichkeit auch in die Siedlungen.

Fazit: Wie kommen wir aus der Betonfalle?

Natürlich ist auch uns klar, dass Beton ein wichtiger Baustoff ist. Das entschuldigt aber weder Untätigkeit in Klimafragen noch das Umgehen von Menschenrechten. Bereits im vergangenen Jahr hat extinction rebellion Heidelberg (XR) daher das Unternehmen in aller Schärfe kritisiert.

Zugleich ist es auch XR wichtig, auf Alternativen hinzuweisen. Dazu gehört die Streckung von Beton, etwa beim Holzbeton. Auch an Beton mit Kohlenstofffasern wird geforscht, der eine höhere Festigkeit besitzt und dadurch sparsamer verbaut werden kann. Künftig könnten auch organische Bindemittel wie Geopolymere eingesetzt werden, die eine bessere CO₂-Bilanz aufweisen.

Insgesamt ist auch und gerade in der Bauindustrie ein komplettes Umdenken gefragt. Holz wird als Baustoff noch komplett unterschätzt, Infos dazu findet Ihr unter anderem in dieser aktuellen Folge des Alias Fernsehpodcasts. Nachhaltiges Bauen muss Standard werden, unsere Forderungen dazu stehen im Kapitel „Nachhaltige Bauwirtschaft und Heizung“ unseres Wahlprogramms.

Der Zwang zum Beton als Baustoff ist nicht in Stein gemeißelt. Das geben wir den Aktionär*innen von HeidelbergCement mit – und der Politik, die mit einer angemessenen CO₂-Bepreisung für wirksameren Klimaschutz sorgen könnte, gerade in der Bauindustrie. Dazu muss allerdings unverzüglich gehandelt werden, etwa durch entsprechende Vorgaben im neu zu erstellenden Klimaschutzgesetz.

Architects for Future: Petition „Bauwende“

Wir verweisen abschließend gerne auf die Architects for Future (AfF) und ihre erfolgreiche Petition „Bauwende“: Die Klimaschützer*innen haben weit über 50.000 Unterschriften gesammelt für neue Wege in der Baubranche. Künftig sollen gesunde und kreislauffähige Materialien eingesetzt werden. Außerdem wollen die AfF Sanierungen vereinfachen und schlagen weitere Maßnahmen vor, mit denen insbesondere Städte lebenswerter und sozial gerechter gestaltet werden können.

Hier findet Ihr weitere Infos zur Petition und zu den AfF.