Montag, 22. März 2021, 11:09 Uhr
von Uwe

Geldfluss und Klimakrise: Wie schaffen wir den Umstieg?

Finanzkonzerne, Banken und Versicherungen fördern mit ihren Investitionen weltweit den klimaschädlichen Ausbau von Erdgas, Kohle, Erdöl. Ein Kurswechsel müsste von der Politik gefördert werden – doch selbst die EU bewegt sich kaum.
Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Gasförderung in Mosambik. Öl- und Gaserschließung in Suriname. Kohlekraftwerke in China...

Erdgas, Kohle, Erdöl. Zwölf laufende Projekte, die am Ende 175 Gigatonnen CO2 freisetzen werden. Das ist annähernd die Hälfte von 395 Gigatonnen. Diese 395 Gigatonnen sind die Gesamtmenge an Kohlendioxid-Emissionen, die nicht überschritten werden darf, wenn die Erderhitzung auf 1,5 Grad begrenzt werden soll. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent laut dem Klimaabkommen von Paris. Bei 66 Prozent Wahrscheinlichkeit und damit 235 Gigatonnen sind es sogar 75 Prozent des verbleibenden Kohlenstoff-Budgets.

Diese Zahlen stammen aus der Studie „Five Years Lost – How Finance is Blowing the Paris Carbon Budget“. 18 Umweltschutz- und Nichtregierungs-Organisationen (NGOs) haben die Fakten zur Finanzierung der zwölf Klimakiller-Projekte recherchiert. Dabei stellte sich heraus, dass unter anderem die Deutsche Bank den Betreibern der Großprojekte kräftig unter die Arme gegriffen hat – mit Darlehen und Bürgschaften in Höhe von insgesamt 27,6 Milliarden Dollar, wie SPIEGEL Online berichtet. Zudem halte die Deutsche Bank Aktien und Anleihen der beteiligten Unternehmen in Höhe von 10,4 Milliarden Dollar.

Vor Ort und international gibt es teilweise erheblichen Widerstand gegen diese Megaprojekte, von Protesten vor Ort bis zu Boykott-Aufrufen. Die Finanzkonzerne kümmert das nicht. Sie verdienen daran, dass Kohleminen in Indien, Kohle- und Gaskraftwerke in Bangladesch oder Ölbohrungen in der norwegischen Barentsee finanziert werden müssen. Das Geld der Finanzriesen fließt an Konzerne wie ExxonMobil, BP und Total. Dabei rangiert die Deutsche Bank nur auf Platz 14 der Investoren-Rangliste. Spitzenreiter sind die US-Finanzkonzerne Citigroup (103,7 Milliarden Dollar), Bank of America (98,9 Milliarden) und J. P. Morgan Chase (92,4 Milliarden). Auch Versicherungskonzerne sind an Bord. Die Allianz hat angekündigt, ihr Portfolio bis 2050 klimaneutral zu gestalten. Doch aktuell besitzt sie laut der Studie Anleihen und Aktien der Projektbetreiber in Höhe von über 9,6 Milliarden Dollar.

Falls Euch schwindlig wird angesichts dieser Milliardenberge, atmet kurz durch. Und fragt Euch dann: Was wäre, wenn dieses Geld tatsächlich in den Ausbau erneuerbarer Energien, die Verkehrswende und den Umbau der Landwirtschaft gesteckt würde?

Die Politik könnte den unverzichtbaren Wandel zumindest konsequent fordern und fördern. Das Beispiel Europa zeigt jedoch, dass Parlamente und Regierungen noch keinen überzeugenden Pfad zum 1,5-Grad-Ziel gehen – auch nicht, was den Geldfluss angeht. Laut einem aktuellen Bericht der Süddeutschen Zeitung hat die EU-Kommission bereits vor drei Jahren darauf hingewiesen, dass dem Finanzmarkt auf dem Weg zur Klimaneutralität eine „Schlüsselrolle“ zukomme. Das Geld müsse in saubere Energien fließen und damit weg von den fossilen Energieträgern Kohle, Öl und Gas. Wie die „Süddeutsche“ berichtet, arbeitet die EU-Kommission an einem Standard für nachhaltige Investments. Investoren sollen dadurch leichter erkennen können, ob sie ihr Geld in klimafreundliche Projekte stecken.

Das Problem: Über die Frage, was überhaupt klimafreundlich ist, herrscht keine Einigkeit. So wollen etwa Deutschland und Frankreich auch Gaskraftwerke zulassen – „selbst wenn sie nicht mit Biogas oder grünem Wasserstoff betrieben werden“, heißt es in dem Bericht. Frankreich fordert zudem, dass auch die Investitionen in Atomkraft gefördert werden. Wie das zum „Green Deal“ der EU passen soll, ist unklar.

Die EU kommt also nur schleppend voran. Das Umleiten der Finanzströme ist eine Mammutaufgabe, die dringend angegangen werden muss. Dem stehen nicht nur Einzelinteressen der Finanzkonzerne entgegen, sondern auch Strukturen und Regelwerke. Nur ein Beispiel: Greenpeace hat Anfang März 2021 eine Studie vorgelegt, in der nachgewiesen wird, dass die Kriterien für die Kreditvergabe durch die Europäische Zentralbank (EZB) eindeutig Klimasünder bevorzugen. Pläne für eine neue Strategie der EZB in der Geldpolitik wurden zwar angekündigt, mehr aber auch nicht.

Jetzt kommt der Treppenwitz: Sogar den Finanzriesen wird es angesichts der drohenden Klimakatastrophe ungemütlich. Bereits 2019 forderten über 500 Grossinvestoren in einem gemeinsamen Schreiben „mehr Unterstützung der Regierungen“ beim globalen Wandel hin zu erneuerbaren Energien. Kohleförderung solle verringert, eine CO2-Abgabe forciert und Subventionen für die fossilen Brennstoffe abgeschafft werden.

Unterzeichnet wurde das Schreiben unter anderem von der Deutschen Bank. Der ganz normale Finanzierungs-Wahnsinn: Finanzkonzerne investieren aktuell ungeheure Summen in klimaschädliche Energien. Zugleich fordern sie die Regierungen dazu auf, den Klimaschutz zu intensivieren – natürlich aus Sorge vor einer weltweiten Destabilisierung der Märkte durch die Klimakrise.

Bleiben wir optimistisch: Der Druck von Umweltorganisationen und NGOs hat dazu geführt, dass sich immer mehr Finanzdienstleister zumindest klimafreundlich geben. Über 400 Investoren haben sich beispielsweise in The Investor Agenda zusammengeschlossen, um die Klimaneutralität zu fördern. Der weltweit größte Vermögensverwalter Blackrock drängt Unternehmen schon länger , auf klimafreundliche Geschäftsmodelle umzusteigen.

Blackrock ist zugleich der absolute Top-Investor bei den zwölf Klimakiller-Projekten. Unser Fazit kann daher nur fordernd ausfallen: Wir brauchen klare politische Vorgaben, eine europäische Geldpolitik, die konsequent den Klimaschutz im Blick behält und Finanzkonzerne, die erkennen, dass sich Investitionen in grüne Energien lohnen – und entsprechend handeln. Außerdem fordern wir einen Planungsstopp für klimafeindliche Großprojekte und ein Ende klimaschädlicher Subventionen.

Das alles brauchen wir sofort. Denn die Klimakrise ist da. Und wir können nicht warten, bis auch die Finanzriesen erkannt haben, dass wir auch mit allem Geld der Welt keine zweite Erde kaufen können.