Donnerstag, 14. Januar 2021, 13:15 Uhr
von Uwe

Die autofreie Stadt – wie kommen wir hin?

Die Forderung nach dem Aus für Autos in der Großstadt ist nötig. Denn sie schafft Spielraum, um über einen lebenswerten und klimafreundlichen Umbau der Städte nachzudenken – und die richtigen Maßnahmen zu ergreifen.
Bild von Thomas Wolter auf Pixabay

Unser Beharren auf dem Stand der Dinge, kombiniert mit mangelnder Vorstellungskraft – das ist die Mischung, die es uns schwer macht, offensichtliche Tatsachen (Die Klimakrise bedroht die Menschheit!) zu akzeptieren und unser Handeln nach ihnen auszurichten. Schön, wenn Menschen weit blicken können. Noch schöner, wenn sie das, was sie sehen, so weitererzählen können, dass wir inspiriert werden.

Zu diesen Menschen gehört Teresa Bücker (Twitter: @teresabuecker). Die Kolumnistin des Magazins der Süddeutschen Zeitung hat sich Bücher mit Wimmelbildern angeschaut. Von dem bunten Treiben, das dort gezeigt wird, inspiriert, skizziert sie ein Bild von der autofreien Stadt – einem der Eckpfeiler der Verkehrswende, die wir zum Schutz des Klimas für unverzichtbar halten.

Hier geht's zum Beitrag: „Ist es radikal, die Städte autofrei zu machen?“

Mag ja sein, dass es radikal klingt, wenn die autofreie Stadt gefordert wird. Angesichts der Klimakatastrophe sind aber nun einmal radikale Maßnahmen gefragt. Und unverzichtbar. Es verwundert daher nicht, dass es bereits eine große Bewegung gegen Autos in Innenstädten gibt, die auch von Wissenschaftlern unterstützt wird. Mehr dazu findet Ihr im Wikipedia-Artikel Car-free movement. Auch in Deutschland ist die Debatte über autofreie Städte in vollem Gange, geführt wird sie etwa von Harald Welzer, Sozialpsychologe und Direktor der gemeinnützigen Futurzwei-Stiftung: „Die autofreie Stadt ist möglich und erstrebenswert“.

Und so verwegen wie sie klingt ist die Forderung gar nicht. Bereits heute besitzen 42 Prozent der Menschen, die in Großstädten leben, gar kein eigenes Auto mehr, hat Teresa Bücker recherchiert. Sie weiß auch, dass Autos teuer sind und sich die Umweltbelastung am Einkommen ausrichtet: Nur Gruppen, die es sich leisten können, fahren gleich zwei Autos oder mehr. Die Anderen müssen aus Kostengründen an stark befahrenen Straßen wohnen und mit der Gesundheitsbelastung leben.

„Eine Veränderung der Fortbewegung in den Städten ist damit nicht nur eine Umweltfrage, sondern auch eine der sozialen Gerechtigkeit“, schreibt Teresa Bücker. Es sei daher Quatsch, auf „systemrelevante" Autofahrten zu verweisen. Denn Pflegefachkräfte und Erzieher*innen könnten sich in Großstädten ohnehin kein Auto leisten. Sie fordert stattdessen einen besser ausgebauten und günstigeren Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV).

Insgesamt schafft es Teresa Bücker, das Thema ganz in Richtung einer besseren Lebensqualität für Menschen in den Städten zu argumentieren. Soll heißen: Wir nehmen Menschen nicht zuerst etwas weg, also das Auto. Sondern wir schaffen eine Stadt, in der es sich besser leben lässt. Ihren Ausblick stützt die Autorin mit dem Konzept der Stadtplanungs-Expertin Clara Greed. Wer sich für deren „Cities of everyday life“ interessiert, findet in diesem PDF mehr Informationen:

Planning for sustainable areas or everyday life and inclusion

Die Viertelstunden-Stadt

Was zeichnet diese Städte aus? Kurze Distanzen durch vielfältige Raumnutzung und mehrere Zentren, außerdem die simple Erkenntnis, dass der männliche Blick auf die Raumplanung bislang verhindert, dass Städte entstehen, in denen sich alle Menschen wohlfühlen.

Dieses Ziel verfolgt auch die im Beitrag zitierte Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Sie wünscht sich eine „Ville Du Quart D'Heure“, also eine Stadt, in der Menschen jedes Alltagsziel innerhalb einer Viertelstunde erreichen können. Wenn Autos aus den Städten verschwinden, soll das eben keine negativen Auswirkungen haben. Dafür braucht es politischen Willen und Strategien, etwa für den Fußverkehr. Eine solche gibt es zum Beispiel in Deutschland nicht, ärgert sich Teresa Bücker.

Der Weg zur autofreien Stadt wird beschritten, wenn die übrigen Fortbewegungsarten gestärkt werden, „indem sie komfortabler, zugänglicher und schöner werden“, glaubt Teresa Bücker. Menschen vom Klimaschutz zu überzeugen, gelinge einfacher, wenn sie

• gute Bus- und Bahnverbindungen vor der Haustür haben
• fußgängerfreundliche Wege nutzen können
• Einkaufsmöglichkeiten im Stadtteil vorfinden
• Erholungsflächen leicht erreichen können
• kurze Entfernungen zu Schulen, Kindergärten und zum Arbeitsplatz zurücklegen müssen.

Das sind Schritte, für die es keine Visionär*innen braucht. Wir können sofort damit anfangen. Und das müssen wir auch. Ob die Autos dann komplett oder nur fast aus dem Stadtbild verschwinden, spielt dann keine Rolle mehr. Sie werden im Zweifel einfach überflüssig.