Dienstag, 08. Dezember 2020, 16:43 Uhr
von Uwe

Das letzte Baumhaus ist geräumt

Jessica Stolzenberger wirft einen ungeschminkten Blick auf den Polizeieinsatz im Danni. Und wir beantworten die Frage: Wie geht es weiter?
Jessica Stolzenberger. Bild: privat

Laut der Hessenschau wurde heute das letzte Baumhaus im Danni von der Polizei geräumt.

Das ist die PpP-Ungleichung: Planungsstarrsinn plus Polizeieinsatz ist ungleich Vernunft und Dialogbereitschaft.

Vielleicht habt Ihr die Rede von Jessica Stolzenberger für die Klimaliste schon auf Twitter gesehen, leider kann ich sie hier nicht einbetten. Jessica war vor Ort, sie hat heute ihre Eindrücke zusammengefasst. Hier sind sie, und um es gleich vorwegzunehmen: Der Protest geht weiter.

Jessica Stolzenberger: „Ich bin aus dem Danni zurück mit traurig-frohen Botschaften: Zunächst wollte die Polizei die Rodungs- und Räumungsarbeiten bereits am Freitag beendet haben. Dies wurde verhindert durch die am Wochenende dauerhaften Aktionen von Ende Gelände und Aktivisti* im Wald.

Am Sonntag haben Luisa und ich uns mal wieder getroffen, sie hatte die Chefs von NABU, BUND und Greenpeace Deutschland dabei. Eigentlich sollten Redebeiträge auf der Bühne gemacht werden, aber als dann Barbara Schlemmer (Ex-Grüne, Sprecherin des Bündnisses keinea49, inzwischen Klimaliste Hessen) auf die Bühne kam & gesagt hat, dass gerade Hundertschaften den Wald stürmen wollen, sind alle – also auch Bürger*innen, die für den Sonntagsspaziergang da waren – sowie auch die Parents4Future, in den Wald.

Dort war es surreal: Die ganzen Menschen kamen & die Polizei zog sich zurück, hat aber immer noch das Camp umstellt.

Also: Polizeikette, dann kam eine Versammlung von Bürgerinnen, dann eine kleine, improvisierte Bühne, Barrikade und dahinter das letzte Barrio "Oben".

Auf der Bühne haben wir Redebeiträge gehalten, Luisa, Greenpeace, BUND, Aktivisti, Ich für die Klimaliste.

Die Polizei zog dann unverrichteter Dinge ab.

Gestern morgen und Abend wurde jedoch dann – als nach dem Wochenende viele Menschen weg waren – brutal geräumt. Presse zusammengeschlagen, Aktivisti* von Bäumen gezogen, das Barrio mit Stacheldraht abgezäunt. Was bemerkenswert war: Ein Mensch, kein Aktivist, sondern Bürger, der noch niemals zivilen Ungehorsam geleistet hat, hat sich in einen "LockOn" mit zwei anderen Menschen begeben. Seine Aussage "Ich habe noch nie zivilen Ungehorsam geleistet, war immer gesetzestreuer Bürger, aber diese Politik erfordert dies."

Einige Aktivisti* haben es auf die Bäume geschafft, und sind somit der Polizei entgangen. Diese hat dann jedoch Schlafsäcke und Essen aus den Baumhäusern geklaut. Das bei Minusgraden in der Nacht ist mutwillige Gefährdung von Menschenleben.

Aktuell sieht es so aus, als würde das letzte Stück Wald und das letzte Barrio heute noch geräumt werden.

Dennoch bleibt der Danni ein Symbol für die Politik, die an der Realität vorbeigeht. Dieser Polizeieinsatz hat Millionen gekostet (Greenpeace schätzt 100 Millionen Euro), und dabei ist noch nicht einmal das gesamte Spezialeinsatzgefährt mitgerechnet (also Hubschrauber, Räumpanzer usw.).

Ich denke, dass sich dort der Kern eines Widerstandes gebildet hat, den wir über die nächsten Monate und Jahre noch weiterhin beobachten werden. Dort hat etwas angefangen, das Geschichte schreiben wird.“

Mein ergänzender Eindruck dazu: Wenn sich die Politik nicht besinnt und einen radikalen Kurswechsel für den Klimaschutz und die Bewahrung unserer natürlichen Ressourcen vornimmt, wird es künftig noch viele Dannis geben. Die KlimalisteBW wird dazu beitragen, dass sich der Druck erhöht. Wir wollen nichts Anderes als dass das Thema Klimaschutz den Stellenwert bekommt, den es verdient. Wir wollen, dass ein echter Dialog zustande kommt und dass wirksame, wissenschaftlich fundierte Maßnahmen eingeleitet werden. Auch wenn das bedeutet, dass manche aktuellen Planungen in die Tonne wandern.

Besser alte Zöpfe abschneiden als Bäume fällen. Denn es geht um unsere Zukunft.