Sonntag, 20. Dezember 2020, 14:01 Uhr
von Uwe

Kommt der „Digital Green Deal“? – Denkanstösse zur Digitalisierung

Streaming, Shopping, Industrie 4.0: Wirkt sich der digitale Wandel gut oder schlecht auf das Klima aus? Aktuell kann diese Frage nur mit einem klaren „sowohl als auch“ beantwortet werden. Wir sagen Euch, woran das liegt.
Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Fangen wir mit der guten Nachricht an: Wenn die Digitalisierung in den Bereichen Mobilität und Verkehr, industrielle Fertigung und bei Gebäuden richtig eingesetzt wird, können die Deutschen ihren CO2-Ausstoß deutlich reduzieren. Das zumindest ergab eine vom Branchenverband Bitkom in Auftrag gegebene Studie. „Bis zu 120 Megatonnen Kohlendioxid können bis 2030 im besten Fall eingespart werden“, sagt Achim Berg, Präsident des Digitalverbandes. Das wäre die Hälfte dessen was Deutschland erreichen muss, um seine selbstgesteckten Klimaziele zu erreichen. Zur Erinnerung: 2019 lag der CO2-Ausstoß bei 805 Megatonnen. 2030 soll er 543 Megatonnen betragen.

Das Potenzial der Digitalisierung könnte sogar noch größer sein. Die Bereiche Landwirtschaft, Energie und Gesundheit sind noch außen vor. Sie werden in der von der IT-Beratungsgesellschaft Accenture durchgeführten Studie ebenfalls untersucht. Ergebnisse werden für das Frühjahr 2021 erwartet.

Wo genau liegen die Einsparpotenziale? Hier einige Beispiele:

• Industrielle Fertigung: Automatisierte Produktion und maschinelle Vernetzung sollen den Bedarf an Material und Energie bei Prozessen verringern.
• Mobilität: Intelligente Verkehrssteuerung und eine Logistik, die Leerfahrten vermeidet oder Routen optimiert, sind laut der Studie Hebel, mit denen sich Emissionen reduzieren lassen.
• Homeoffice: Laut den Studienmachern soll der Anteil von Beschäftigten, die an mindestens zwei Tagen pro Woche das Homeoffice nutzen, bis 2030 enorm steigen – von 12 Prozent in 2019 auf mindestens 48 Prozent. Bitkom-Präsident Berg fordert in diesem Zusammenhang die Politik auf, dafür Anreize zu setzen.

Bevor jetzt Euphorie ausbricht, kommen wir zur Kehrseite des Ganzen: Die Digitalisierung verursacht selbst jede Menge CO2-Emissionen. In der Bitkom-Studie wird das noch ziemlich schöngerechnet: Ein digitaler Wandel im moderaten Tempo soll einen CO2-Ausstoß von jährlich 16 Megatonnen verursachen – durch die Produktion von Smartphones & Co. sowie durch den Betrieb von Netzinfrastruktur und Rechenzentren. Das Einsparpotenzial sei aber etwa fünf Mal höher als der Ausstoß.

Mehr Infos zur Studie findet Ihr in dieser von neues-deutschland.de aufbereiteten Meldung der Deutschen Presse Agentur

Digitalisierung als „Brandbeschleuniger des Klimawandels“?

Weniger optimistisch, was die Potenziale und Risiken angeht, ist Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). Zwar sagt auch sie, richtig genutzt sei die Digitalisierung ein „Werkzeugkasten für eine nachhaltige Zukunft“. Doch ungesteuert werde sie zum Klimaproblem – und zwar weltweit. Oder eben zum „Brandbeschleuniger für den Klimawandel“. Das sagte die Ministerin bei der Präsentation ihrer umweltpolitischen Digitalagenda in Berlin im März 2020. Schulzes Agenda umfasst 70 Maßnahmen. Darunter finden sich etwa Einschränkungen beim Streaming über YouTube, Netflix oder Amazon. Rechenzentren sollen mit Ökostrom betrieben werden. Online-Shopping soll Umweltrisiken stärker einbeziehen. Smartphones sollen länger halten, Akkus und Displays leichter austauschbar sein.

Passend dazu: unser Beitrag über Repair-Cafés in Baden-Württemberg

Zu den wissenschaftlichen Einrichtungen, die beim Erstellen der Agenda geholfen haben, gehört auch das Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie. „In diesem Jahrzehnt wird sich entscheiden, ob wir den Hebel noch umlegen und die Nachhaltigkeitsziele erreichen können“, sagt Manfred Fischedick, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Instituts. Tja, es ist halt wie immer in der Klimakrise: Die Zeit wird knapp, knapper, am knappsten ...

zdf.de: Klimawandel: Energieschleuder Digitalisierung

EU-Ratsbeschluss: Digitaler Produktpass für den Klima-Fußabdruck

Immerhin: Während der Corona-Pandemie ist der Zusammenhang von Klimakrise und Digitalisierung stärker in den Fokus gerückt. Das hat Svenja Schulze genutzt als sie ihre Agenda nach Brüssel trug. In der vergangenen Woche meldete die ARD exklusiv, dass sich die EU-Umweltminister*innen auf eine Art „digitalen Produktpass“ verständigt hätten. „Womöglich mit Hilfe eines Barcodes könnte man künftig schnell Informationen über das Produkt abfragen: wo die Rohstoffe herkommen, unter welchen Bedingungen Produkte entstanden sind und wie viel CO2 dabei ausgestoßen wurde“, heißt es auf tagesschau.de:

EU will umweltfreundlichere Digitalisierung

Schaut man sich das Koalitionstheater ums Lieferkettengesetz an, ist Skepsis angebracht. Schnell wird der Produktpass ohnehin nicht kommen. 2021 soll er erst einmal getestet werden, dafür haben sich die Umweltminister*innen die Batterien für Elektroautos ausgesucht.

Trotzdem ist es zu begrüßen, dass das Thema auf EU-Ebene auf den Tisch kommt. Gemeinsame Anstrengungen sind wichtig, denn die Industrie geht bereits in Stellung gegen den „Digital Green Deal“. Svenja Schulzes Forderung nach Klimaneutralität bei Rechenzentren bis 2030 hat Bitkom-Präsident Berg laut tagesschau.de bereits als „völlig unrealistisch“ abgetan. Er verweist auf die Politik und den Energiesektor und fordert einen „vernünftigen Energiemix“. Dann würden sich die Rechenzentrum schon ganz von selbst dekarbonisieren.

Das ist natürlich Quatsch, die Digitalindustrie muss selbst gehörig zur Klimaneutralität beitragen, wie Bergs eigene Bitkom-Studie ja belegt. Trotzdem hat er natürlich Recht, wenn er auf die Politik verweist. Denn letztendlich können Auflagen, mit denen sich CO2-Emissionen reduzieren lassen (siehe oben), auch im digitalen Wandel von der Politik angestoßen und in Form gebracht werden. Wer das unterstützen will, sollte die KlimalisteBW unterstützen. Wir sorgen dafür, dass das Klima in allen Bereichen thematisiert wird, die in diesem Beitrag angesprochen werden. Aktuell könnt Ihr dazu im Übrigen am besten beitragen, indem Ihr uns Eure Unterstützungsunterschrift zukommen lasst. Vielen Dank!

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