Donnerstag, 15. April 2021, 18:40 Uhr
von Uwe

Verkehrsplanung und Straßenbau am Beispiel Mannheim: Noch nicht zukunftsfähig

In Mannheim müssen dringend Straßen saniert werden. Das bietet die Chance, Radfahrer*innen stärker zu berücksichtigen. Unser Mitglied Patrick Bernhagen kennt die Bedingungen vor Ort und fordert: „Wir müssen das Straßensystem zukunftsfähig machen.“
Bild von Bill Kasman auf Pixabay

(Dieser Beitrag wurde als Leserbrief eingereicht und bezieht sich auf den folgenden Zeitungsbericht, der leider hinter der Paywall steckt: mannheimer-morgen.de: Sanierungsstau beim Straßenbau (08.04.2021) Er wurde für diesen Blogbeitrag leicht angepasst.)

Wenngleich flach wie die Niederlande, ist Mannheim keine fahrradfreundliche Stadt. Radfahrer klagen laut obigem Bericht über den „katastrophalen Zustand“ vieler Wege. Es gibt aktuell enormen Bedarf an Maßnahmen zur Instandhaltung und Sanierung – nicht nur in Mannheim, sondern in vielen Städten und Gemeinden. Von der Verkehrsachse Klingenberg/Böckingen im Südwesten Heilbronns bis zum Stadteingang in Überlingen, um nur zwei zufällig gewählte Beispiele zu nennen.

Fahrbahnschäden müssen beseitigt werden, denn sie führen zu vorzeitigem Verschleiß und Reparaturkosten. Noch schlimmer: Auf holprigen Wegen kann es zu Unfällen kommen, bei denen Menschen zu Schaden kommen. Davon sind insbesondere Radfahrer*innen betroffen. Der Sanierungsstau in Mannheim sollte daher genutzt werden, um das Mannheimer Straßensystem an zeitgemäßen und zukunftsfähigen Anforderungen auszurichten. Das erfordert eine starke Ausweitung von Radwegen und Radfahrstreifen.

Veraltete Verkehrskonzepte

Die Straßeninfrastruktur in Mannheim ist immer noch stark durch Verkehrskonzepte aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts geprägt. Damals forcierte die Politik den Ausbau des PKW-Verkehrs und drängte ÖPNV und Radverkehr im wahrsten Sinne des Wortes an den Rand. Mittlerweile hat die Stadtverwaltung aus den Fehlern von gestern gelernt. Was die Verkehrsinfrastruktur betrifft, ist davon jedoch bis heute nur wenig zu spüren. Gerade die wichtigen Verkehrsadern halten oft zwei oder mehr Fahrspuren pro Richtung für den LKW-/PKW-Verkehr vor. Der Radverkehr wird dagegen auf einen schmalen „Schutzstreifen“ am Fahrbahnrand verbannt.

Dieser Streifen erlaubt es oft nicht einmal, den durch die StVO gebotenen und überlebenswichtigen Sicherheitsabstand zu parkenden Fahrzeugen auf dem Seitenstreifen einzuhalten. Sich plötzlich öffnende Fahrertüren haben schon viele Radler*innen aus dem Sattel geholt. Nicht weniger gefährlich sind die holprigen und viel zu engen „Radwege“, die einfach auf den Gehweg gemalt wurden. In diesen Zonen sind sich alle im Weg: Radfahrer*innen, Fußgänger*innen sowie Menschen, die einfach nur verweilen wollen.

Ein weiteres Problem: In vielen Nebenstraßen sind die Gehwege (oder das, was parkende Autos davon übrig lassen) so schmal, dass sich entgegenkommende Fußgänger*innen regelrecht aneinander vorbeidrücken müssen. Ganz zu schweigen vom Transport von Kindern im Fahrradanhänger. Die Anhänger lassen sich weder auf den (wenn überhaupt vorhandenen) schmalen Schutzstreifen im Autoverkehr sicher bewegen noch auf den schmalen Gehwegen.

In Pandemie-Zeiten fügt die Ansteckungsgefahr den eklatanten Missständen noch ein weiteres Problem hinzu. Auf Verkehrsinseln und an Querungsanlagen drängen sich Fußgänger*innen und Radfahrer*innen ohne Chance auf Einhaltung des gebotenen Mindestabstandes. Zugleich bleibt ein unverhältnismäßig großer Anteil der öffentlichen Flächen dem Autoverkehr vorbehalten.

Maßnahmen für sichere Radwege

Die Agentur für Clevere Städte hat umfangreiche Vorschläge vorgelegt, mit denen sich die Sicherheit für Radfahrer*innen erhöhen lässt. So können Straßen zugunsten des Radverkehrs umgewidmet werden, die bei zwei Fahrstreifen und einem Parkstreifen mehr als 6,5 Meter breit sind, mehr als zwei Fahrstreifen pro Richtung bieten, mit über zwei Meter breiten Parkstreifen in Summe für beide Richtungen ausgestattet sind oder über mehr als drei Meter breite Gehwege verfügen. Davon gibt es in Mannheim viele.

Auch die über Bundes- und Landesstraßen führenden Ortsdurchfahrten können entsprechend verbessert werden. Um nur ein prominentes Beispiel zu nennen: der Kaiserring zwischen Bismarckplatz bzw. -straße und Friedrichsplatz bzw. Kunststraße hat durchweg mindestens zwei Geradeausspuren in jeder Richtung, dazu diverse Abbiegespuren nach links und rechts und obendrein beparkte Seitenstreifen – aber keinen Radstreifen. Viele Autofahrer*innen scheinen nicht zu wissen, dass Radfahrer*innen in solchen Situationen selbstverständlich auf der Fahrbahn fahren müssen. Sie reagieren mit Beschimpfungen und gefährlichen Einschüchterungsmanövern. Aus Angst fahren viele Radfahrer*innen daher rechtswidrig auf dem Gehweg, welcher stellenweise ebenfalls nicht sehr breit ist. Um das Problem zu lösen, könnte in beiden Richtungen einer der vielen Fahrstreifen für den Autoverkehr bzw. der Parkstreifen durch einen sicheren Radstreifen ersetzt werden.

Im Mannheimer Morgen wird berichtet, dass ein Drittel der Straßenfläche in der Stadt von Grund auf erneuert werden müsste. Die notwendige Grunderneuerung muss mit einer Umwidmung von Flächen zugunsten des Rad- und Fußverkehrs einhergehen. Nur so kann die Infrastruktur in Mannheim zukunftsfähig ausgebaut werden. Das ist nicht nur wichtig für die Sicherheit der Radfahrer*innen und Fußgänger*innen. Es ist auch integraler Bestandteil der Mobilitätswende, die wir in der Klimakrise besser heute als morgen benötigen.