Sonntag, 03. Januar 2021, 14:39 Uhr
von Uwe

Systemfragen, Teil III: Postwachstums-Ökonomie – Die Halbierung des Konsums

Regional, nachhaltig, sparsam: In der Postwachstumsökonomie leben – wär's das? Wir stellen die Wirtschaftstheorie von Niko Paech vor und sagen auch, wo es hakt.
Bild von Pexels auf Pixabay

Unsere kleine Serie soll zur Diskussion rund um die Frage anregen: Wie müssen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft organisiert und strukturiert sein, damit Menschen möglichst effektiv das Klima schützen können?

Bisher erschienen:
Teil I: Gemeinwohl-Ökonomie
Teil II: Der Green New Deal

Die bislang vorgestellten Ansätze ähneln sich teilweise in ihren Gegenentwürfen zu dem Wirtschaftssystem, in dem wir uns aktuell befinden. Die Gemeinwohl-Ökonomie will das Profitstreben ersetzen durch ein kooperatives System, in dem das Wohl aller Menschen im Mittelpunkt steht. Der Green New Deal wird häufig als Umbau des bestehenden Wirtschaftssystems gesehen: Industrien, die von fossilen Energien abhängen, werden durch andere ersetzt, die auf erneuerbaren Energien basieren. Am Ende steht für viele Verfechter*innen des Green New Deal eine starke Gemeinschaft, in der das persönliche Wohlbefinden auch ohne Konsum gewährleistet ist.

Ende des Wachstums

Die großen Themenbereiche Verzicht und Zusammenarbeit prägen auch das System der Postwachstumsökonomie. Der von Niko Paech entwickelte Ansatz geht allerdings noch einen Schritt weiter. Er skizziert ein Wirtschaftssystem, in dem es kein Wachstum mehr gibt – ein radikaler Ansatz, der neoliberale Ökonom*innen schockiert.

Theorien wie die Gemeinwohl-Ökonomie und der Green New Deal gehen grundsätzlich von einer Form des „grünen Wachstums“ aus. Der an der Uni Siegen lehrende Paech erteilt solchen „auf Konformität zielenden Nachhaltigkeitsvisionen“ eine klare Absage. Stattdessen beschreibt er in zahlreichen Büchern, Vorträgen und Interviews ein System, das ohne Wachstum des Bruttoinlandprodukts auskommen soll. In diesem System wird die Industrieproduktion um bis zu 50 Prozent zurückgebaut. Es wird weniger konsumiert und mehr repariert. Kooperation ist auch hier zentral: Paech beschreibt, wie jeder Mensch seine Fähigkeiten so einbringen kann, dass er zu seiner Versorgung und der Versorgung der Gesellschaft beiträgt. Sei es durch Landwirtschaft, Reparaturen oder andere Dienstleistungen.

Weniger Mobilität, Konsum, Wohnraum – mehr Nachhaltigkeit

Dinge des täglichen Bedarfs, vom Auto über die Wohnung bis zur Kleidung, werden auch in Paechs postökonomischer Welt weiter produziert. Allerdings geschieht dies auf eine Weise, die natürliche Ressourcen erhält und das Klima schont. Dafür werden etwa die Lebenszyklen der Produkte deutlich verlängert, so dass sich der Bedarf verringert. Dies führt zu weniger Nachfrage und in der Folge zu weniger Produktion und sinkenden Arbeitszeiten. Niko Paech plädiert für eine starke Reduktion der Arbeitszeit: „Wir sollten nur 20 Stunden arbeiten“ sagte er 2018 im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Mit der gewonnenen Zeit erwerben die Menschen in der Postwachstumsökonomie neue Kompetenzen, die ihnen Ressourcen schonendes Wirtschaften und Leben ermöglichen. Ziel ist es, die Selbstversorgung in lokalen Netzwerken zu stärken.

Paechs vier Gründe für den Rückbau

Auf seiner Website postwachstumsoekonomie.de nennt Paech vier Gründe dafür, warum sein Rückbau-System unverzichtbar sei:

• Wachstum und Schutz der natürlichen Ressourcen seien nicht vereinbar,
• Glück und Zufriedenheit ließen sich ab einem bestimmten Einkommens- und Konsum-Niveau nicht mehr steigern,
• Hunger, Armut und Ungerechtigkeit könnten nicht einfach durch wirtschaftliches Wachstum beseitigt werden – es bestehe immer die Gefahr, dass der Fokus aufs Wachstum sogar kontraproduktiv wirke und
• das Wachstum stoße an natürliche Grenzen. Wir müssten nicht nur mit dem „Peak Oil“ planen, also dem Ende der Ölförderung. Paech warnt davor, dass wir auf ein „Peak Everything“ zusteuern. Insbesondere, wenn in Nationen wie China und Indien die Nachfrage weiter explodiert.

Wie steht's mit der Umsetzung?

Wie kann eine Gesellschaft entstehen, die freiwillig auf Konsum, Wachstum und ganz konkrete Dinge wie neue Autos, Flugreisen oder Luxusgegenstände verzichtet? Darauf gibt Paech verschiedene Antworten. Auf der Website stellt er fünf Entwicklungsschritte vor, mit denen sich die Postwachstumsökonomie in Deutschland umsetzen lassen soll: Ballast abwerfen, Selbstversorgung, regionale Ökonomie, Instandhaltung statt Produktion, dazu eine Boden- und Geldreform.

Konkret sieht Paech die Wissenschaft und fortschrittliche Unternehmen als Initiatoren, die postwachstumsökonomische Ansätze ausprobieren und mit gutem Beispiel vorangehen. Im oben verlinkten Interview sagt er allerdings auch:

„Mir geht’s nicht nur um die Plausibilität des von mir vertretenen Standpunktes, sondern darum, die Dogmatik der tradierten Ökonomik anzugreifen. Dringend benötigt wird ein unvoreingenommenes Nebeneinander unterschiedlicher Gegenwartsanalysen und ökonomischer Zukunftsentwürfe, die wir Wissenschaftler der Gesellschaft anbieten können.“

Kritik: Ein rein nationaler Ansatz?

Nico Paech wird für seine Theorie teilweise heftig kritisiert. So gehen andere Wirtschaftswissenschaftler*innen davon aus, dass seine „Peak Everything“-Befürchtungen grundlos sind. Sie sagen: Wir steuern gar nicht auf eine ökologische und ökonomische Krise zu, weil der Menschheit bisher für alle Probleme eine Lösung eingefallen ist (hier ein Beispiel für diese Kritik). Angesichts der wissenschafatlichen Fakten zur Klimakrise können wir über so viel Naivität allerdings nur den Kopf schütteln.

Paech wird zudem vorgeworfen, dass sein Ansatz ein rein nationaler sowie technologie- und fortschrittsfeindlich ist. Er wolle ein „grünes Deutschland“. Dabei ignoriere er, dass nur technologischer Fortschritt in der Lage sei, in Entwicklungsländern für bessere Verhältnisse zu sorgen (hier ein Beispiel für diese Kritik. In einigen seiner Vorträge spricht Paech allerdings auch den globalen Handel an. Es ist keineswegs so, dass er weltweite Vernetzung ablehnt.

Aus Sicht des Klimaschutzes enthält Paechs Versuch, Wirtschaft regional und nachhaltig zu denken, gute Ansätze. Die Postwachstumsökonomie kann allerdings nur Wirklichkeit gelingen, wenn ein Großteil der Bevölkerung radikal umdenkt. In dieser Beziehung sind wir mit ihm auf einer Linie – denn dasselbe gilt auch für das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels und die von uns angestrebte Klimaneutralität.

Weiterführende Links:
Postwachstumsökonomik im Gabler Wirtschaftslexikon

Niko Paech auf YouTube: Wirtschaftswissenschaft am Wendepunkt: Logiken der Reduktion

Niko Paech auf YouTube: ALL YOU NEED IS LESS - Anmerkungen zur Postwachstumsökonomie">