Das Demokratieverständnis der Klimaschutzbewegung

von Guido Mennicken

Ist die Klimaliste eine Verbotspartei? Nichts könnte ferner von der Wahrheit sein. Wir argumentieren auf wissenschaftlicher Basis für eine gute Zukunft. Wir sagen, was ist, wo bei Anderen Schönfärberei und Wunschdenken regieren. Wir wollen nicht bevormunden. Wir wollen nur, dass den Fakten endlich Rechnung getragen wird. Bevor es zu spät ist.

Das Demokratieverständnis der Klimaschutzbewegung

Die härteste Kritik an der Klimaschutzbewegung ist häufig, dass sie andere gesellschaftliche Gruppen bevormunden wolle. Nach dem Motto: „Die wollen mir mein Steak verbieten!“ oder „Die wollen mir meinen Urlaub auf Mallorca miesmachen!“

Aus meiner Beobachtung heraus ist das ein Missverständnis. Es rührt daher, dass die Reaktionen vieler Politiker*innen und Journalist*innen in die Klimakrise nicht rational sind. Sie weigern sich, wissenschaftliche Fakten zur Kenntnis zu nehmen und sie muten ihren Wählern*innen die Wahrheit nur stückchenweise zu.

Die Klimaschützer*innen, die ich kenne, sind glühende, freiheitsliebende Demokrat*innen! Wir versuchen, die Mehrheit der Bevölkerung davon zu überzeugen, dass eine Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft unvermeidbar ist, wenn wir die Erde retten wollen – und dass dieser Wandel keineswegs zu Lasten der Menschen gehen muss.

Welche Voraussetzungen braucht es also für eine gesellschaftliche Annäherung der unterschiedlichen Positionen?

1) Wir als Gesellschaft müssen die Fakten der Klimakrise zur Kenntnis nehmen. Wen fragt man, wenn es um Fakten geht? Richtig! Die Wissenschaft! Daher das Credo der Klimabewegung:  „Listen to the Science!“. Denn jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung, aber bittschön net auf seine eigenen Fakten!

2) Die Fakten und die Konsequenzen, die daraus im Interesse aller zu ziehen sind, müssen ungeschönt und vollständig kommuniziert werden. Viele Politiker*innen agieren, als seien ihre Wähler*innen kleine Kinder, denen nicht die volle Wahrheit gesagt werden darf, weil sie diese nicht verkraften. Ja, viele Fakten zur Klimakrise sind beunruhigend und machen Angst. Und ja, es ist spät, sogar sehr spät für die Rettung unseres lebenswerten Planeten. Aber die Wähler*innen müssen auf einer rationalen Basis entscheiden können, also auf Grundlage der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Die Bürger*innenräte in Frankreich, Dänemark und Deutschland haben gezeigt, dass wirksamer Klimaschutz dann Konsens werden kann.

3) Die Wissenschaft kann uns ziemlich genau sagen, welche Ziele wir für eine lebenswerte Zukunft erreichen müssen. Und diese Ziele betreffen weit mehr als nur CO2-Emissionen, zum Beispiel die Artenvielfalt und die Vermeidung von Plastik in unseren Flüssen und Meeren. Zur Erreichung dieser Ziele brauchen wir eine breite politische Debatte, bei der alle guten Ideen willkommen sind und Jede und Jeder eigene Ideen einbringen kann! Die Klimalisten setzen sich für Bürger*innenparlamente und eine stärkere politische Beteiligung aller Menschen ein!

4) Unter der Voraussetzung, dass wir Leben und Gesundheit kommender Generationen schützen wollen (Das hoffe ich sehr und dazu verpflichtet uns das Grundgesetz!), ist die eine Seite der Gleichung wissenschaftsbasiert vorgegeben. Verkürzt als „Einhaltung des 1.5-°C-Ziels“. Auf der anderen Seite der Gleichung steht die Summe aller Klimaschutzmaßnahmen. Welche das sind, muss selbstverständlich demokratisch entschieden werden. Beispielsweise:

Bessere Gebäudedämmung + 100 % Erneuerbare Energie + Elektromobilität bis 20xx = 1,5 °C

oder

Weniger Konsum (z.B. Kleidung) + Vegetarische Ernährung + Weniger Flugreisen = 1,5 °C

Weil die eine Seite der Gleichung feststeht, wirken Forderungen der Klimaschutzbewegung häufig kompromisslos. Doch wir berücksichtigen nur, dass physikalische, chemische und biologische Systeme keine Kompromisse schließen. Sie folgen einfach den Naturgesetzen.

Mit dem Demokratieverständnis von uns Klimaschützer*innen ist also alles in Ordnung! Wir wollen keine Öko-Diktatur. Wir wollen die Gesellschaft nur davon überzeugen, dass wir alle endlich wie erwachsene, verantwortungsvolle Menschen handeln müssen. Für unsere Kinder, für unsere Enkel und für einen einzigartigen Planeten!

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