Klima-Links der Woche: „Fit for 55“ und Energielücke

von Uwe

Im Wochenrückblick geht es um das Klimapaket der EU-Kommission, steigenden Stromverbrauch, den Abwärtstrend bei den Grünen, Stecker-Solaranlagen und IKEA. Schönes Wochenende!

Klima-Links der Woche: „Fit for 55“ und Energielücke

Wir trauern mit allen, die diese Woche Menschen durch Extremwetter verloren haben. Alles Liebe und Gute.

Themenfelder der Woche: Wissenschaft, Politik, Geld und Gerechtigkeit, Aktionen, Energie, Mobilität, Umwelt und Ernährung, Bauen und Wohnen

Thema der Woche: Die EU-Kommission hat ihr Klimapaket „Fit for 55“ vorgestellt
Bis zum Jahr 2030 sollen die CO₂-Emissionen in der EU um 55 Prozent reduziert werden. Das ist die Zielsetzung der EU-Kommission. Erreicht werden soll die Reduktion mit insgesamt zwölf Gesetzen. Sie werden zum Teil die Bürger*innen direkt belasten, etwa durch höhere Preise für Benzin und Heizung. Die Preise würden steigen, wenn Verkehr und Gebäude wie geplant ab 2026 in den Emissionshandel einbezogen werden. Zum Ausgleich will die EU-Kommission einen „Sozialfonds“ einrichten, der mit über 72 Milliarden Euro befüllt werden soll. Expert*innen kritisieren, dass die Emissionen um mindestens 60 Prozent gesenkt werden müssten, um die Erderhitzung im Sinne des Pariser Klimaschutzabkommens zu begrenzen. Ohnehin müssen die 27 Mitgliedstaaten der EU die Pläne noch absegnen.

Die Klimareporter fassen die Paketinhalte zusammen und beschreiben dabei auch die geplante Reform des Europäischen Emissionshandelssystems (ETS). Mit der Reform sollen die Emissionen aus der Stromproduktion und den energieintensiven Industrien reduziert werden. Das neue Einsparziel für den Emissionshandel: 61 Prozent weniger CO₂-Ausstoß bis 2030. Auch die Gesamtmenge der Emissionszertifikate, die im ETS ausgegeben wird, soll gesenkt werden.

Die taz hat Reaktionen auf das Klimapaket gesammelt: „Für 1,5 Grad reicht es nicht“.

Sie vergleicht außerdem das relativ ambitionierte EU-Paket mit der zögernden Haltung der Bundesregierung: „Deutschland sitzt derzeit noch auf dem Sofa und schaut zu.“

Für die Tagesschau-Redaktion ist das Maßnahmenpaket nur der Auftakt zu einer eventuell jahrelangen Debatte.

Streit liegt in der Luft, findet auch dieser Tagesschau-Kommentator. Zum Beispiel bei der geplanten Kerosinsteuer, die unter anderem von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) abgelehnt wird. Politiker*innen fürchten außerdem den „Volkszorn“, falls Preise steigen.

Auch ein Teil des „Fit for 55“-Pakets: Ab 2035 sollen in der EU keine Neuwagen mit Verbrennungsmotoren mehr verkauft werden. Eine Hintertür bleibt allerdings wohl offen: Angeblich soll das Ziel angepasst werden können, falls es den Herstellern nicht gelingt, es zu erreichen.
faz.net: 2035 soll Schluss mit dem Verbrenner sein

Die IG Metall sagt, die Politik müsse „die Voraussetzungen für die Zielerreichung schaffen“.
stuttgarter-nachrichten.de: Autobranche macht Druck vor CO₂-Plan-Vorstellung

Wissenschaft

Abholzung und Klimakrise führen dazu, dass Teile des Amazonasbeckens mehr CO₂ abgeben als sie aufnehmen. Das hat eine Studie brasilianischer Wissenschaftler*innen ergeben, die im Fachmagazin „Nature“ veröffentlicht wurde. Erstellt wurde die Studie auf Basis von 600 Luftproben, die in den Jahren 2010 bis 2018 gesammelt worden waren. Ergebnis der Analyse: Im nordwestlichen Teil des Amazonas wird genauso viel CO₂ in die Atmosphäre abgegeben wie Wald und Böden speichern. Im östlichen Teil ist das nicht der Fall.
taz.de: Amazonas als CO₂-Quelle

Politik

Glaubwürdigkeit verspielt: Die Grünen befinden sich im Bund im Sinkflug, auch wenn sie immer noch hoffen können, die Anzahl ihrer Bundestagsmandate bei der Wahl im September zu verdoppeln. Schlechtes Krisenmanagement hat allerdings dazu geführt, dass das Ziel, stärkste Kraft zu werden, aktuell illusorisch erscheint. Die Grünen liegen in den Umfragen bei etwa 18 Prozent, die CDU bei etwa 29 Prozent. Verantwortlich dafür ist auch, so die taz, dass der Markenkern der Grünen die Glaubwürdigkeit sei.
taz.de: Und jetzt?

„Bereit, weil Ihr es seid“: Bringt die Wahlkampagne der Grünen endlich das Klimathema in den Wahlkampf?

Geld und Gerechtigkeit

Welche tödlichen Folgen die Aktivitäten der Ölkonzerne im Niger-Delta für die indigene Bevölkerung hatte, beschreibt Aktivist Ken Henshaw: „Nach sechs Jahrzehnten Ölförderung zählt das Niger-Delta heute zu den verseuchtesten, ärmsten und am stärksten militarisierten Gebieten der Welt.“ Ein Green New Deal kann für ihn nur einhergehen mit Wiedergutmachung für eine ökologische Katastrophe, die Menschen ihrer Lebensgrundlage beraubt hat.
rosalux.de: Verseucht, verarmt, militarisiert, terrorisiert

Net-Zero Insurance Alliance (NZIA) heißt ein Zusammenschluss von acht Rückversicherern, die ihr Portfolio bis 2050 klimaneutral machen wollen. Regine Richter von Urgewald fordert von der NZIA konkrete Aktionen: Die Allianz sollte sich verpflichten, keine neuen Öl- und Gasprojekte abzusichern.
taz.de: Versicherung nur für Klimafreunde

Aktionen

Freispruch für drei Klima-Aktivisti von Extinction Rebellion: Das Trio hatte sich mit Sekundenkleber an die Tür eines Fastfood-Restaurants in Trier festgeklebt.
swr.de: Klima-Aktivisten in Trier vom Gericht freigesprochen

Energie

Der Stromverbrauch in Deutschland wird bis 2030 um zehn Prozent steigen. Das steht in der aktuellen Fassung einer Studie des Prognos-Instituts, die im Auftrag des Wirtschaftsministeriums erstellt wurde. Die neuen Klimaziele im Bund sorgen für den erhöhten Energiebedarf – und für einen schnelleren Ausbau von Wind- und Solarenergie.
wiwo.de: Wegen strengerer Klimaziele: Altmaier erhöht Prognose für Stromverbrauch

Die Süddeutsche Zeitung warnt vor einer Energielücke, die nur durch eine massive Beschleunigung des Ausbaus erneuerbarer Energien geschlossen werden könne.

Digitalisierung kann beim Klimaschutz helfen, sagt Tilman Santarius, Professor für Sozial-Ökologische Transformation und Nachhaltige Digitalisierung an der TU Berlin. Als Beispiel nennt er den Boom beim Homeoffice während der Corona-Pandemie.
taz.de: „Eine Effizienzmaschine“

Sieben Jahre hat's gedauert, jetzt geht der mit Wasserstoff-Brennstoffzellentechnologie angetriebene Zug „Alstom Coradia iLint“ auf die Teststrecken. Gefahren wird mit nicht grünem Erdgas von Eyach nach Hechingen und von Hechingen über Gammertingen nach Sigmaringen.
swr.de: Testfahrt für Zug mit Wasserstoffantrieb in Gammertingen

Stecker-Solaranlagen, die sich am Balkon montieren lassen, rechnen sich innerhalb weniger Jahre. Offiziell erlaubt sind sie seit 2019, Schätzungen zufolge werden in Deutschland bereits 100.000 Stück eingesetzt.
klimareporter.de: Solar-Guerilla wird salonfähig

Mobilität

Ohne Bahn keine Verkehrswende, da sind sich alle einig. Aber warum wird dann nichts für den Ausbau von Personen- und Güterverkehr auf der Schiene getan? Die Bahn braucht klare Ziele und eine umfassende Reform.
freitag.de: Politiker im Gleis

Das Tempolimit wird kommen, da sind wir ganz sicher. Diverse Umwelt- und Verkehrsverbände machen zusätzlich Druck. Unter anderem VCD und Deutsche Umwelthilfe haben gefordert, die nächste Bundesregierung müsse die allgemein gültige Geschwindigkeitsbeschränkung einführen.
zeit.de: Verbände fordern Tempolimit von nächster Regierung

Umwelt und Ernährung

„Eine Symphonie des Verlusts“: Bericht aus der kanadischen Stadt Lytton, die im Zuge der Hitzewelle durch einen Waldbrand zerstört wurde.
tagesschau.de: „Der Klimawandel kommt zu jedem“

Der Meteorologe Özden Terli sieht die aktuellen Wetterphänomene als Zeichen dafür, dass wir schon mitten in der Klimakrise sind: „Hitzewellen sind häufiger, länger und intensiver geworden.“
taz.de: „Wir stecken schon tief drin“

Wälder müssen erst naturnah umgebaut werden, bevor ihr Holz genutzt wird. Diese These untermauern Pionier*innen der ökologischen Forstwirtschaft in ihrem neuen Buch „Der Holzweg“. Ihr Vorwurf: Die Förster*innen hätte das ökologische Desaster im Wald selbst herbeigeführt.
taz.de: Forstwirtschaft auf dem Holzweg

Bauen und Wohnen

Ist IKEA in einen Abholzskandal verwickelt? Nach Recherchen des ARD-Magazins Kontraste und der Umweltschützer von Earthsight hat der größte Holzverbraucher der Welt teilweise Holz bei einem indonesischen Lieferanten bestellt, der wiederum illegal geschlagene Kiefern aus Russland importiert haben könnte. Der russische Lieferant habe sich illegal Lizenzen besorgt und immer wieder mehr Holz geschlagen als eigentlich genehmigt worden war.
tagesschau.de: Kindermöbel aus Urwaldholz?“

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