IPCC-Report: Es geht um jedes Zehntelgrad – warum wir weiter kämpfen müssen

von Uwe

Der Weltklimarat der UNO zeichnet ein dramatisches Bild der Zukunft. Die Expert*innen fordern drastische Maßnahmen. Es geht darum, das Schlimmste zu verhindern. Die gute Nachricht: Es ist nicht zu spät. Was also ist jetzt zu tun?

IPCC-Report: Es geht um jedes Zehntelgrad – warum wir weiter kämpfen müssen

Hier geht es zum „Sixth Assessment Report“ des IPCC.

Die Fakten im IPCC-Report, ...

Von 2010 bis 2020 war es auf der Erde bereits 1,1 Grad wärmer als im Zeitraum von 1850 bis 1900.

Die über Land gemessene Temperatur war sogar 1,6 Grad höher.

Schon 2030, also in etwa zehn Jahren, könnte die globale Erderhitzung die 1,5-Grad-Grenze überschreiten. Im Pariser Klimaabkommen heißt es, diese Marke solle bis 2100 halten.

Der Meeresspiegel steigt immer schneller, aktuell um knapp vier Millimeter pro Jahr. Dieser Anstieg wird noch Jahrhunderte anhalten.

Dramatische Entwicklungen durch Kipppunkte sind und bleiben möglich.

Extreme Hitzewellen, Starkregen und andere Wetterphänomene werden durch die Klimakrise verursacht. Sie werden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weiter zunehmen.

Die Zahl der extrem heißen Tage wird zunehmen. Insbesondere bei der Hitze sei die Klimakrise ein „Gamechanger“, sagt Friedrike Otto, Autorin des Kapitels über Wetterextreme: „Bei einer durchschnittlichen Erwärmung von vier Grad über dem vorindustriellen Niveau wird es an heißen Tagen im globalen Durchschnitt mehr als fünf Grad heißer werden.“

Die Fakten sind nicht neu, werden aber im sechsten IPCC-Report noch detaillierter dargestellt – bis auf die regionale Ebene, so dass etwa die Klimakrise in Westeuropa detailliert analysiert wird. Erstmals enthält der Bericht auf Basis der Daten auch ein Kapitel über Wetterextreme.


... die Zukunft ...

Weder die aktuelle Politik noch die Wahlprogramme der etablierten Parteien weisen einen eindeutigen Weg zum 1,5-Grad-Ziel. Die Gründe liegen in der Vergangenheit, in der die Klimakrise jahrzehntelang verharmlost und die Warnungen der Wissenschaft ignoriert wurden. Dem liegen etwa strukturelle Gründe zugrunde: Wir leben in einem Wirtschaftssystem, das auf Wachstum durch Ressourcenvernichtung setzt. Der australische Ökonom Steve Keen hält seine Kolleg*innen für einen Teil des Problems. Im Interview mit den Krautreportern (komplett nur für Mitglieder) sagt er: „Hätten sie sich nicht eingemischt, wären wir 20 Jahre weiter als jetzt.“

Es gibt viele weitere Gründe: etwa den Irrglauben, dass sich mit Technologien alle Probleme früher oder später lösen lassen. Oder das Komplettversagen der Politik. Umso mehr muss jetzt, wo es zu spät ist, um das Rad zurückzudrehen, gehandelt werden. Es gilt, das Schlimmste zu verhindern – eine weltweite Katastrophe, die das Ende der Menschheit bedeuten könnte.

„Wenn wir unsere Emissionen nicht bald stoppen, kann unser zukünftiges Klima leicht zur Hölle auf Erden werden“, beschreibt Professor Tim Palmer von der Universität Oxford die Lage.

Der IPCC warnt auch davor, sieht aber zugleich noch Chancen, die wir nutzen müssen. Klimaforscher Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg sagte im ZDF, „es gibt keinen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt, denn es lohnt sich immer weitere Erwärmungen zu verhindern.“ Letztendlich sorge jede Maßnahme gegen den Klimawandel dafür, dass es weniger Extremwetter-Ereignisse gebe, betont der Mitautor des IPCC-Reports.

„Jedes Zehntelgrad zählt“, sagt auch die Klimaforscherin Astrid Kiendler-Scharr vom Forschungszentrum Jülich.

... und wir.

Georg Ehring sieht im Deutschlandfunk auch Gründe, zuversichtlich zu sein. Er hofft auf die Jugend, auf Bewegungen wie Fridays for Future. Zugleich setzt er auf den Fortschritt in Wirtschaft und Technik, etwa durch günstige erneuerbare Energien und die Elektromobilität.

Und am Ende bleiben uns immer noch die Gerichte. Immer mehr Klimaschützer*innen und Umweltorganisationen verklargen Regierungen und Unternehmen. Das Bundesverfassungsgericht hat die Bundesregierung zu mehr Klimaschutz gezwungen. Der Ölkonzern Shell bekam eine Milliardenstrafe aufgebrummt und muss seine Emissionen drastisch senken. Kaisa Kosonen von Greenpeace will auch den IPCC-Report vor Gericht bringen. Am Ende könnte es sein, dass Klimaneutralität schlicht mit juristischen Mitteln erzwungen wird.

Der Blick geht nach Glasgow

Es sei denn, die Politiker*innen öffnen endlich die Augen und handeln konsequent. Vom 31. Oktober bis zum 12. November findet in Glasgow die 26. UN-Klimakonferenz statt. Bundesumweltministerin Svenja Schulze sagt, dies sei „der entscheidende Moment, in dem die Weltgemeinschaft liefern muss". Was genau? Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) warnt: „Es bleibt nur sehr wenig Zeit. Dies bedeutet, dass keine Investitionen in fossile Energien mehr fließen dürfen, weder in Kohle und Öl, noch in fossiles Erdgas, sondern nur noch in erneuerbare Energien.“

Der IPCC hat deutlich gemacht: Wir müssen Klimaneutralität in den kommenden drei Jahrzehnten erreichen. In Glasgow müssen die dazu erforderlichen Maßnahmen beschlossen werden. Sie müssen radikal sein, vom sofortigen Kohleausstieg bis zum Aus für den Verbrenner. Und sie müssen hauptsächlich von Europa, den USA, China und Indien vorangetrieben werden. Etwa durch einen international und sektorenübergreifend wirksamen Emissionshandel mit einem angemessenen CO₂-Preis. Weitere Maßnahmen findet Ihr in unserem Wahlprogramm für die Landtagswahlen in Baden-Württemberg.

Was uns zu tun bleibt?

Wir sollten die Kandidierenden der KlimalisteBW unterstützen. Wir müssen wirksamen Klimaschutz ins Parlament bringen und dafür auch den Druck auf der Straße erhöhen. 81 Prozent der Deutschen sehen sehr großen oder großen Handlungsbedarf beim Klimaschutz. Das sind etwa 60 Millionen Menschen. Wenn nur jeder Zehnte an einer Demo teilnimmt, sind das sechs Millionen. Sechs Millionen fürs Klima, damit ließe sich schon etwas bewegen. Also, bleiben wir dran. Jedes Zehntelgrad zählt. Und jede*r Einzelne von uns.

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