Klimaschutz neu denken – gemeinsam und global

von Uwe

Wie die Corona- lässt sich auch die Klimakrise nur effizient bekämpfen, wenn sie global betrachtet wird. Auf der COP26 geht es um finanzielle Unterstützung für ärmere Länder. Doch das allein wird nicht reichen. Wer die Welt retten will, muss Wirtschaft neu denken.

Klimaschutz neu denken – gemeinsam und global

Besonders deutlich wird das bereits jetzt auf zwei Feldern, die direkte Auswirkungen auf das Klima haben: beim Artenschutz und bei der Energiewende.

Artenschutz als Opfer des Greenwashing

Laut der UN sind etwa eine Million unserer etwa neun Millionen Arten vom Aussterben bedroht.

Keine Frage, wir brauchen dringend wirksamen Artenschutz. An ihm hängen, ganz grob gesagt, unsere Luft, unser Trinkwasser, unsere Gesundheit und unsere Lebensmittelproduktion. Wissenschaftler*innen bemühen sich daher, Artenschutz und Klimaschutz unter einen Hut zu bringen, da diese sich wechselseitig stark beeinflussen – im Guten wie im Schlechten.

Viele Maßnahmen, die aktuell unter dem Stichwort Klimaschutz diskutiert oder umgesetzt werden, wirken sich negativ auf die Artenvielfalt aus. Denken wir nur an Aufforstung in Form von Monokulturen oder an den Bau von Elektroautos, für den der Abbau von Metallen und Mineralien vervielfacht werden muss: „Ein durchschnittliches E-Auto benötigt sechs Mal mehr Minerale als ein Wagen mit Verbrennungsmotor“, heißt es in diesem Beitrag des ipg-journals.

Klimaschutz kann aber auch Artenschutz sein. Zunächst ganz simpel, indem natürliche Kreisläufe erhalten bleiben und nicht durch Technologien ersetzt werden, die Emissionen verursachen. Der Schutz von Mooren, Feuchtgebieten und naturnahen Wäldern hilft sowohl dem Klima als auch der Biodiversität. Dies gilt allerdings nur, wenn die Zielsetzung stimmt. Und die muss gerade im Interesse von Mensch und Natur zwingend lauten:

Das 1,5-Grad-Ziel muss eingehalten werden.

Oder es darf zumindest nicht mehr überschritten werden als bereits jetzt unvermeidbar ist.

Was die negativen Auswirkungen des aktuell praktizierten Artenschutzes aufs Klima angeht, lassen sie sich auf einen einfachen Nenner bringen: Der Fokus aufs wirtschaftliche Wachstum ist schuld. Das sagt zum Beispiel Kathrin Hartmann. Die Journalistin hat für Greenpeace eine Analyse zu Scheinlösungen für den Artenschutz untersucht. Titel der Studie: „Verraten und verkauft. Naturzerstörung durch Greenwashing unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit.“

Hartmann weist nach, dass selbst von NGOs unterstützte Maßnahmen für den Erhalt der Biodiversität kontraproduktiv wirken, weil sie letztendlich immer darauf ausgerichtet sind, das wirtschaftliche Wachstum zu sichern. So führen beispielsweise die bei Unternehmen beliebten Zertifizierungssysteme nur dazu, dass sich die Nachfrage nach den entsprechenden Waren erhöht.

Ein besonders erschreckendes Beispiel: Der Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO) besteht seit 17 Jahren. Die Zerstörung des Regenwaldes zur Errichtung von Palmöl-Plantagen konnte in dieser Zeit nicht einmal verlangsamt, geschweige denn gestoppt werden. 2015 lag sie laut Global Forest Watch mit 753.000 Hektar zerstörter Waldfläche ein Viertel höher als 2004. Eigentlich nicht verwunderlich, rechnet Hartmann vor: Am Runden Tisch sitzen „973 Konsumgüter- und Handelsunternehmen, 887 Palmölfirmen und 15 Banken – aber nur 50 NGOs.“

Zur Umweltzerstörung kommen schwerwiegende Folgen für die indigene Bevölkerung in Gebieten, die als Schutzgebiete ausgewiesen werden. Den Menschen droht schlicht die Vertreibung, insbesondere wenn das auch von der EU unterstützte Ziel, 30 Prozent der Erdoberfläche zum Schutzgebiet zu machen, umgesetzt würde. Die ZEIT warnt bereits vor „Armut, Menschenrechtsverletzungen, Landkonflikten“.

Dann könnten mindestens 300 Millionen Menschen ihre Heimat und ihre Lebensgrundlage verlieren, wie laut Hartmann aus einem offenen Brief von über 200 Indigenen- und Menschenrechtsorganisationen hervorgeht. Und dass, obwohl Studien belegt haben, dass der Artenschutz in Gebieten besser funktioniert, in denen die indigene Bevölkerung vor Ort bleibt.

Energiewende: Fatale Abhängigkeit von Rohstoffen

Kathrin Hartmann beschreibt auch, wie sehr die Energiewende in den Industrieländern zu Lasten der Menschen im globalen Süden geht: „Insgesamt profitiert die lokale Bevölkerung meist nicht von den materiellen Gewinnen der Rohstoffausbeutung, ist aber den negativen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Folgen weitgehend ungeschützt ausgesetzt.“ 

Der Graben ist extrem breit zwischen den produzierenden, energiehungrigen Industrieländern und den Ländern im globalen Süden, die etwa reiche Vorräte an Lithium, Kupfer oder seltenen Erden besitzen. Kurz gesagt: Stellt die Autoindustrie von fossilen Antrieben auf Elektromobilität um, ist das gut für die CO2-Statistik. Doch das klappt nicht, wenn nicht neue Bodenschätze erschlossen werden, etwa in Lateinamerika.

Dort führt die Ausbeutung der Rohstoffvorkommen zu „gesellschaftlichen Konflikten und erheblicher Umweltzerstörung“, warnt Astrid Becker, Leiterin des Sustainability-Projekts der Friedrich-Ebert-Stiftung in Mexico City.

Maßnahmen für gerechten Klima- und Artenschutz

Kurz gesagt, jedes Auto ist global betrachtet eines zu viel, ob es mit Sprit fährt oder an die Steckdose muss. Denn der unverzichtbare Umbau von Sektoren wie Energie oder Verkehr bei uns bedroht Umwelt und Menschen im globalen Süden. Dieser fatale Mechanismus lässt sich nur durch gemeinsames Handeln aushebeln, bei dem ein echter Interessenausgleich im Fokus steht:

·      Umweltauflagen sind weltweit einzuhalten. Die dafür nötigen Studien müssen, so Astrid Becker, „objektiv erstellt und der Bevölkerung frühzeitig und wenn nötig in den lokalen Sprachen zur Verfügung gestellt werden.“

·      Projekte und Produktionsbedingungen müssen mit den Menschen vor Ort diskutiert und abgestimmt werden.

·      Die Forderung der indigenen Bevölkerung auf Übertragung von Rechten auf Landbesitz und Mitbestimmung muss erfüllt werden.

·      Entschädigungen und Ausgleichszahlungen sind fair auszuhandeln.

·      Im Rohstoffhandel sind ebenso internationale Standards zu definieren und einzuhalten wie entlang der Lieferketten. Arbeitsschutz, Gesundheitsvorsorge und ein Verbot von Kinderarbeit sind unverzichtbar.

·      Nur eine echte, geschlossene Kreislaufwirtschaft kann dafür sorgen, dass knappe Rohstoffe sinnvoll genutzt werden, ohne dass Mensch, Natur und Klima leiden.

So lange Machtstreben und wirtschaftliche Interessen regieren, werden Klima- und Artenschutz zu Lasten der indigenen Bevölkerung und der Länder im globalen Süden gehen. Wir brauchen eine funktionierende Wirtschaft, das ist selbstverständlich. Aber wir müssen globale Gerechtigkeit viel stärker zum Maßstab des Handelns und des Handels machen. Ein erster Schritt dazu wäre etwa, die wahren Kosten unserer Produkte auszuweisen.

Außerdem muss die Schonung von Ressourcen und die Vermeidung von Emissionen für Unternehmen eine gleichwertige Rolle mit ihren finanziellen Erträgen spielen. Maßnahmen zum Klimaschutz sind sozial verträglich zu gestalten – national und weltweit. Das sind große Aufgaben, für die Politiker*innen Verantwortung übernehmen müssen. Die Zeiten, in denen es hieß „Wirtschaft gut, alles gut“, sind vorbei. Ohne klare Regeln, Gesetze und Rahmenbedingungen beschleunigen wir nur unseren Weg in den Abgrund – und nehmen dabei diejenigen mit, die am wenigsten Schuld an der aktuellen Situation tragen.

vorheriger Blogbeitrag
Klima-Termin ankündigen? So schafft Ihr's in die Medien!
nächster Blogbeitrag
Zur Diskussion: Was bedeutet „Klimagerechtigkeit“?