Klimaneutral und sozial: Kein Klimaschutz ohne weltweite Gerechtigkeit

von Johanna Legnar

Was hat soziale Gerechtigkeit mit Klimaschutz zu tun? Sehr viel, wenn nicht sogar alles. Die Ausbeutung von Mensch und Natur hat die gleiche Wurzel: das Ziel, sich einen Vorteil zu verschaffen. Klimawandel und soziale Ungerechtigkeit hängen miteinander zusammen. Die Probleme und Gefahren, die sie hervorbringen, lassen sich daher nur gemeinsam lösen.

Klimaneutral und sozial: Kein Klimaschutz ohne weltweite Gerechtigkeit

Der Gedanke, eine Fahne in ein Stück Erde zu stecken und sich zu nehmen, was man möchte, hat eine lange Tradition. Deren Auswirkungen auf Natur und Umwelt stellen uns heute vor enorme Herausforderungen: Abholzung der Wälder, Trockenlegung von Mooren, Bestellen unserer Äcker und Überfischung unserer Ozeane sind das genaue Gegenteil nachhaltiger Praktiken. Denn sind die Ressourcen an einem Ort verbraucht, nimmt sich der Mensch einfach den nächsten vor. Große Teile der Menschheit leben gegen die Natur statt mit ihr.

Dieses Jahr war der Tag der Erdüberlastung bereits am 29. Juli. Seit diesem Tag verbrauchen wir mehr Ressourcen, als binnen eines Jahres auf natürliche Weise erneuert werden können. Das Datum bildet dabei nur den Durchschnitt aller Staaten ab. Würden alle Nationen so viel verbrauchen wie Deutschland, bräuchten wir drei Erden. Zum Vergleich: Die Menschen in Haiti kommen mit 0,4 Erden pro Jahr aus. Gleichzeitig profitieren die Industrienationen davon, dass in den ärmeren Ländern die Arbeitskraft der Menschen teilweise gnadenlos ausgebeutet wird. Auch wirtschaftlich herrscht weltweit ein massives Ungleichgewicht.

Verfolgung und Unterdrückung

Auch die menschliche Arbeitskraft ist eine Ressource. Sie wird schon genauso lange ausgebeutet wie Natur und Umwelt. Die Sklaverei als schlimmste Form der Ausbeutung erreichte zwar während des Kolonialismus im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Doch ihre Wurzeln reichen zurück bis ins antike Griechenland und zu den Wikingern.

Wer die rassistische Überzeugung vertrat, bestimmte Menschen hätten einen geringeren Wert als andere, berief sich gern auf Darwins Evolutionstheorie. Selbst die Kirche nutzte die angebliche Ungleichheit für Raubzüge, Verfolgung und Unterdrückung. Mit der Entdeckung entlegener Landstriche durch die Europäer wurde die indigene Bevölkerung in Nord- und Südamerika, Afrika und Australien auf unmenschlichste Art und Weise unterdrückt und teilweise sogar ausgelöscht.

Seit Jahrhunderten kämpfen die Versklavten und Unterdrückten für Gleichberechtigung. Es gibt zwar Fortschritte, doch die im Kolonialismus wurzelnden Strukturen exisiteren immer noch – weil sie dem reichen Norden Vorteile bescheren. So produzieren Menschen aus dem globalen Süden  zahlreiche Sachgüter unseres täglichen Lebens: Baumwolle, Kaffee, Kakao, Palmöl, etc. – für Löhne, die bei uns keine:r akzeptieren würde. Doch selbst in Europa müssen sich Menschen, meist aus Osteuropa, als Erntehelfer:innen, Pfleger:innen, in Schlachthäusern und auf Baustellen unter menschenunwürdigen Bedingungen ihren Lebensunterhalt verdienen.

Strukturen der Benachteiligung

Wohin wir auch blicken, wir sehen strukturelle Benachteiligung. Sie betrifft beispielsweise das Geschlecht, was sich in niedrigeren Löhnen für Frauen und andere gesellschaftliche Gruppen ausdrückt. Zu Gruppen, die strukturell benachteiligt werden, gehören unter anderem: Frauen, intersexuelle, nichtbinäre, transsexuelle und ageschlechtliche Menschen sowie  Menschen mit Behinderung.

Die Auswirkungen von Rassismus, Ausbeutung und Diskriminierung beobachten wir meist nur aus der Ferne. Es fällt daher leicht, sie auszublenden und viele Menschen stehlen sich ganz bequem aus der Verantwortung. Damit noch nicht genug der Ungerechtigkeit: Ausgerechnet die Länder wie Haiti, die am wenigsten zur Klimakrise beitragen, sind diejenigen, die am meisten von den Folgen betroffen sind (Most Affected People and Areas, kurz MAPA).

Klimakrise: Ein Sturm, verschiedene Boote

Was die Klimakatastrophe angeht, sitzen wir eben nicht alle im selben Boot. Wir befinden uns im gleichen Sturm, aber mit unterschiedlichen Booten. Während die Industrienationen auf der COP26 zum 26. Mal diskutieren und Absichtserklärungen formulieren, steigen die Emissionen weiter. Den pazifischen Inselstaaten droht der Untergang, und das ist nicht im übertragenen Sinne gemeint.

Zwischen den Verursacher:innen des Klimawandels und den Betroffenen herrscht also eine große Diskrepanz. Und ebenso zwischen denen, die entscheiden und denen, die von diesen Entscheidungen am stärksten betroffen sind. Es sind überwiegend wohlhabende, gebildete, weiße und männliche Personen, die über die Zukunft der gesamten Menschheit entscheiden. Auch über unsere Zukunft. Aber im Vergleich zu anderen Teilen der Welt können wir hier wenigstens für unsere Zukunft auf die Straße gehen, ohne dass wir um unser Leben fürchten müssen.

Systemwandel statt Klimawandel

Wir wurden alle in dieses System hineingeboren, sind darin aufgewachsen und wurden entsprechend sozialisiert. Solange wir die strukturellen Ungleichheiten nicht untersuchen, verstehen und hinterfragen, werden wir das auf Mensch und Umwelt so verheerend wirkende System weiter reproduzieren. Was dagegen hilft? Systemwandel statt Klimawandel!

Ansätze sind durchaus vorhanden: Durch eine CO2-Äquivalent-Steuer, die dem Klimaschutz dient, dürfen sozial schwache Menschen nicht auf der Strecke bleiben. Wer sich nur eine Wohnung auf dem Land leisten kann und durch den schlechten Ausbau des ÖPNV auf ein Auto angewiesen ist, muss unterstützt werden. Ebenso jede:r, der als Mieter:in keinen Einfluss auf die veraltete Ölheizung in seiner Wohnung hat. Eine Frauenquote kann nicht länger unter 50 Prozent liegen, wenn Frauen 50 Prozent unserer Gesellschaft ausmachen. Wir müssen unsere Gesellschaft so gestalten, dass sich Frauen auch nachts trauen, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen und dass sich Männer auch ohne fossil befeuerte Egoverlängerung wertvoll fühlen. Wir benötigen ein Wahlsystem, in dem die Menschen, die am meisten von der Klimakrise betroffen sein werden, auch eine Stimme haben. Wir können keine Technologie unterstützen, deren Endlagerung ungeklärt ist und die daraus entstehenden Probleme der nächsten Generation vererben. Als Hauptverursacher:innen des Klimawandels müssen wir außerdem mehr Verantwortung übernehmen, etwa in der Flüchtlingspolitik: Menschen aus Madagaskar oder Afghanistan, die vor jahrelang anhaltender Dürre fliehen müssen, dürfen wir nicht abweisen.

Aus diesen Überlegungen rund um die Facetten der Gerechtigkeit ergibt sich für die Klimaliste ein klarer Auftrag: Wir sind keine Ein-Themen-, sondern eine Ein-Ziel-Partei: Unsere Vision ist ein klimagerechtes Miteinander der Menschen im Einklang mit Umwelt und Natur.

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