Systemfragen, Teil I: Gemeinwohl-Ökonomie – Kooperation statt Konkurrenz

von Uwe

(Bild von JuergenPM auf Pixabay)

Kann der Umstieg auf eine Gemeinwohl-Ökonomie das Klima retten? Wir starten eine Serie über alternative Wirtschaftssysteme mit Blick auf diese Bewegung, die sich bereits erfolgreich für ethische Prinzipien einsetzt.

Systemfragen, Teil I: Gemeinwohl-Ökonomie – Kooperation statt Konkurrenz

Unsere kleine Serie soll zur Diskussion rund um die Frage anregen: Wie müssen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft organisiert und strukturiert sein, damit Menschen möglichst effektiv das Klima schützen können?

Wir beginnen mit der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ). Das ist eine Wirtschaftstheorie, die ethischen Prinzipien folgt und eine gerechtere Welt anstrebt. Mensch und Umwelt stehen im Mittelpunkt, ihren Interessen werden Ziele wie Wachstum und Profit untergeordnet.

Nachhaltigkeit wird belohnt

Wer Gutes tut, wird belohnt. Die GWÖ folgt diesem simplen Prinzip. Sie ist eine Wirtschaftsform, in der sich Nachhaltigkeit, Kooperation, Transparenz und die Einhaltung umfassender ethischer Standards auszahlen. Das klingt wie gemacht für den Kampf gegen die Klimakrise. Denn diese erfordert zum Beispiel Kooperation statt Konkurrenz. Möglichst viele Kräfte müssen gebündelt werden, das gilt für einzelne Menschen ebenso wie für Unternehmen, Institutionen oder Gemeinden.

Auf allen diesen Ebenen engagiert sich die GWÖ-Bewegung bereits, insbesondere in Europa und Südamerika. Gestartet wurde sie von dem Österreicher Christian Felber. Er gründete 2010 den Verein zur Förderung der Gemeinwohlökonomie. Was die GWÖ-Bewegung laut Felber anstrebt ist eine „soziale Marktwirtschaft ohne Kapitalismus“. Die soziale Marktwirtschaft soll zudem weiterentwickelt werden „in Richtung einer auch kooperativen, einer ökologisch nachhaltigen, einer humanen, einer demokratischen Marktwirtschaft.“

Die GWÖ hat sich „seit 2010 in 30 Staaten ausgebreitet", wie Christian Felber sagt. Im Dezember 2019 gab es laut Felber 350 Regionalgruppen. Mehr Details dazu gibt es auf der Website des Vereins: web.ecogood.org

Die Gemeinwohl-Bilanz

Den Beitrag zum Gemeinwohl misst die GWÖ mit der Gemeinwohl-Bilanz. Unternehmen, Gemeinden und Bildungseinrichtungen vergeben Punkte in vier Kategorien:

• Menschenwürde
• Solidarität & Gerechtigkeit
• Ökologische Nachhaltigkeit
• Transparenz & Mitentscheidung

Die Kategorien werden in Bezug gesetzt zu Zulieferer*innen, Eigentümer*innen, Mitarbeiter*innen, Kund*innen und der Gesellschaft. Die Punkteskala macht dann deutlich, wer wieviel zum Gemeinwohl beiträgt. Das wiederum ermöglicht Menschen, sich bei Entscheidungen an der Gemeinwohl-Bilanz zu orientieren.

Eine Forderung der GWÖ ist, dass Organisationen mit besserer Gemeinwohl-Bilanz Vorteile genießen, etwa weniger Steuern zahlen, günstigere Kredite erhalten oder bei Ausschreibungen der öffentlichen Hand bevorzugt werden.

Kritiker*innen werfen der GWÖ vor, sie sei nur global anwendbar, außerdem bürokratisch und ineffektiv. Dagegen spricht die Anzahl der Regionalgruppen. Auch die Organisation klappt, zumindest auf regionaler Ebene, wie das Beispiel Höxter (siehe Linkliste am Ende des Beitrags) zeigt.

Die GWÖ und das Klima

Die GWÖ-Bewegung beruft sich unter anderem auf die Erd-Charta, eine Deklaration von ethischen Prinzipien für eine nachhaltige Entwicklung der Welt. Konkreter wird Blog-Autor Daniel Beise in einem Beitrag auf der Webseite der GWÖ-Bewegung: „Es muss jetzt wehtun! Das müssen endlich alle begreifen. Sonst wird es auch für uns Privilegierte auf der Nordhalbkugel richtig übel. Politiker wurden und werden nur niemals gewählt, wenn sie sagen: „Ihr müsst verzichten.“ Deswegen sagen sie uns nicht die Wahrheit, das ist offensichtlich und das Dilemma, in dem wir stecken. Also brauchen wir dringend eine neue Art des Wirtschaftens, die alle mitnimmt und Ressourcen wieder annähernd gerecht und nachhaltig verteilt."

Glaubt es endlich! Ohne neues Wirtschaftsmodell versagen wir beim Klimaschutz

Der Autor sieht die GWÖ als Alternative zu einem kapitalistischen System, das ohnehin zusammenbrechen wird. Christian Felber weist darauf hin, dass unternehmerische Freiheit ihre Grenzen finden muss, wo sie die Ökosysteme schädigt – eine Horrorvorstellung für traditionelle Wirtschaftswissenschaftler.

Wie kann die GWÖ trotzdem umgesetzt werden? Diese Frage lässt sich für alle Systeme, die wir hier vorstellen, gleich beantworten: über Druck der Gesellschaft und politisches Handeln. Der GWÖ fehlt aktuell eine Kombination aus Aktivismus und einer schlagkräftigen Partei, die ihre Agenda verstärkt in die öffentliche Diskussion einbringt. Zwar bekennen sich Teile der ÖDP wohl zum Gemeinwohlansatz, doch hier fehlt es am Druck der Straße. Welches Potenzial eine Unterstützung der Klimabewegung und der Klimaliste für die GWÖ hätte, lohnt daher in jedem Fall eine Debatte.

Weiterführende Links:

Wikipedia: Gemeinwohlökonomie

GWÖ-Bewegung in Baden-Württemberg

Gemeinwohl-Region Kreis Höxter (mit Gemeinwohl-Test)

Deutschlandfunk Kultur: Brauchen wir eine neue Wirtschaftsordnung? (mit Christian Felber und Alexandra Gavilano von Extinction Rebellion)

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