Warum ich zivilen Ungehorsam leiste

von Johanna Legnar

Die Klimakrise ist da, die Politik handelt nicht – da stellt sich die Frage: Was tun? Ihr könnt am 22. Oktober beim Klimastreik mitmachen. Ihr könnt an den Aktionstagen „Gerechtigkeit jetzt“ (20.-29-10. in Berlin) teilnehmen. Oder Ihr engagiert Euch wie unser Mitglied Johanna.

Warum ich zivilen Ungehorsam leiste

Seit 40 Jahren warnt die Wissenschaft vor den Folgen des menschengemachten Klimawandels, verschiedene NGOs gehen seit Jahrzehnten auf die Straße und seit 2018 schwänzen Jugendliche und junge Erwachsene sogar regelmäßig die Schule oder Uni. Und immer noch handelt die Politik nicht ausreichend, um die selbst auferlegte 1,5°C-Grenze einzuhalten. Obwohl es inzwischen nicht mehr fünf vor ist, sondern fünf nach zwölf.

Vor über zwei Jahren kam ich über eine Bekannte zum Onboarding der Heidelberger Ortsgruppe von Extinction Rebellion. Ich bekam einen kleinen Schock, als ich erfuhr, dass das deutsche CO2-Budget zur Einhaltung des Pariser Abkommens, je nachdem wie wahrscheinlich die 1,5-Grad-Grenze eingehalten werden soll, bereits 2027 (66% Wahrscheinlichkeit) oder 2030 (50% Wahrscheinlichkeit) aufgebraucht ist. Wie konnte die Regierung da von Klimaneutralität 2050 sprechen?

Was bleibt einem noch übrig, wenn die Klimastreiks kein Gehör finden? Für Extinction Rebellion, kurz XR, lautet die Antwort: Ziviler Ungehorsam. Das bedeutet: Menschen verstoßen absichtlich gegen geltende Gesetze, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Ziviler Ungehorsam klingt für viele radikal. Ich finde es viel radikaler, Millionen von Menschen aufgrund unserer Lebensweise sterben zu lassen. Bevor sich Extinction Rebellion im Vereinigten Königreich gründete, betrieb die Gruppe zunächst Nachforschungen über erfolgreiche Zivilrechtsbewegungen. Vorbilder dafür sind Rosa Parks, die zum Fall der Mauer führende Revolution 1989 und weltweite Proteste für  Klimagerechtigkeit. XR fand heraus, dass etwa 3,5 Prozent der Bevölkerung auf der Straße und gewaltfreier Widerstand die effektivste Kombination darstellen, um eine Veränderung herbeizuführen.

Ziviler Ungehorsam in der Praxis

Beim Zivilen Ungehorsam, kurz ZU, geht es in gewisser Weise darum, bestimmte Ziele mit dem eigenen Körper zu blockieren. Dabei gibt es verschiedene Aktionsbereiche, kurz AB.

AB 0 ist die Teilnahme an legalen Aktionen wie angemeldeten Demonstrationen.

AB1 bedeutet eine Teilnahme an unangemeldeten Blockaden bis zur Auflösung der Versammlung.

AB 2 ist die weitere Teilnahme an aufgelösten Versammlungen, also auch die Teilnahme an der Räumung dieser Versammlungen. Räumung bedeutet für gewöhnlich, dass die Teilnehmenden von der Polizei weggetragen werden.

AB 3 ist die Teilnahme an Aktionen mit deutlich höherem rechtlichen Risiko. Das kann Ankleben oder Anketten am Aktionsort oder Gegenständen sein, um die Räumung stark in die Länge zu ziehen. Auch andere Aktionen zählen dazu, etwa das unerlaubte Betreten eines Firmengeländes.

Hierbei gilt bei XR stets: Niemand wird zu etwas gedrängt, jede:r soll auf sich achten, womit er oder sie sich noch wohlfühlt. Beim Wegtragen von der Polizei wird für andere Rebell:innen Beifall geklatscht, begleitet von einem Sprechgesang „Du bist nicht allein.“ Finanzielle Repressionen werden, wenn möglich, von der Gemeinschaft getragen.

Die Vorstellung, stundenlang in meinen eigenen Fäkalien in einer Windel zu sitzen, hält mich bisher von Aktionslevel drei ab. Sich von der Polizei wegtragen zu lassen, macht mir dagegen sogar richtig Spaß. Aber ich habe auch das Gefühl, dass sich die Polizist:innen immer über mein geringes Körpergewicht freuen.

Wir wollen überleben

Und los geht's: Die Ampel der Fußgänger:innen springt auf grün. Wir verteilen uns auf dem Überweg und halten unsere Banner hoch. Die Autofahrer:innen sind irritiert. Die Ampel wird wieder rot, wir bleiben stehen. Autos hupen, die Insassen rufen. Natürlich, denn sie wollen zur Arbeit, nach Hause oder woanders hin. Wir wollen überleben. Deswegen haben wir auch Flyer und Banner mit „Entschuldigen Sie die Störung, aber es geht ums Überleben.“ Das Deeskalationsteam nimmt sich der Sache an und versucht, die Situation zu entschärfen. Nach einigen Minuten trifft die Polizei ein. Unsere Polizeikontakte kommunizieren zwischen Polizei und Rebell:innen. Die Beamt:innen wollen wissen, wer Versammlungsleiter:in ist. Natürlich niemand, denn wer will schon allein die möglichen juristischen Folgen der Aktion tragen?

Extinction Rebellion verfolgt die Strategie, den Alltag zu stören, um Druck auf die Entscheider:innen auszuüben. Die Rebell:innen stehen dafür in der Regel mit ihrem Namen und ihrem Gesicht ein. Dagegen richtet sich Ende Gelände (EG) direkt gegen den Ausbau fossiler Energien und blockiert zum Beispiel Kohlegruben. Die Aktivist:innen von Ende Gelände geben ihre Identitäten nicht preis. Damit sie auch nicht über den Fingerabdruck identifiziert werden können, präparieren sie vor Aktionen ihre Fingerkuppen: Die oberste Hautschicht wird mit einer Nadel verletzt, dann kommen Sekundenkleber und Glitzer drauf. Da es in den Kohlegruben keine Toiletten gibt, werden vorsorglich Kohletabletten geschluckt. Die Aktivist:innen werden häufig in einer Gefangenensammelstelle (Gesa) festgehalten. Das kann je nach Bundesland über Stunden oder Tage dauern und erfordert von den Aktivist:innen große emotionale Festigkeit. Diese wird gestärkt durch die wunderbare Organisation und den Zusammenhalt. So werden die Betroffenen nach ihrer Entlassung vom Gesa-Support abgeholt, auch irgendwo im Nirgendwo, und dann meist mit warmem Tee, veganen Snacks und bei Bedarf mit einem warmen Schlafplatz versorgt.

Basisdemokratische Entscheidungen

In einer Aktion sind wir in sogenannten Bezugsgruppen von vier bis acht Personen organisiert, die sich besser kennen. Innerhalb dieser hat jede:r Rebell:in einen Buddy, zu dem/der ein größeres Vertrauensverhältnis besteht. Das gibt ein Gefühl der Sicherheit. Für die basisdemokratischen Entscheidungen während einer Aktion wird je ein:e Delegierte aus der Bezugsgruppe in das Deliplenum entsandt, der/die Rücksprache hält. Damit keine Info in falsche Ohren gerät, sorgt bei manchen Aktionen auch der/die Delegierte dafür, dass die Gruppe zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. So wurde mir beispielsweise an einem Tag im Oktober 2019 um 5 Uhr morgens erst vor Ort klar, dass unser „Finger“ von etwa 80 Personen eine der fünf Zufahrten zur Siegessäule blockiert.

Einige Tage nach der dreitägigen Blockade des sogenannten großen Sterns um die Siegessäule, sitze ich auf der Jannowitzbrücke. Die Stimmung ist gut, wir singen aus dem Liederbuch fürs Überleben. Einige Rebell:innen richten ihr Nachtlager ein: Isomatte, Schlafsack und Rettungsdecke. Meine Mama ruft an. Ich hatte ihr nur gesagt, dass ich nach Berlin fahre. Sie fragt mit dünner Stimme, ob ich mit Extinction Rebellion unterwegs sei. Ich sage nur knapp „Ja.“. Sie scheint besorgt, sagt es aber nicht. Liebe Mama, mache dir keine Sorgen, wenn ich mich von der Polizei wegtragen lasse. Mache dir Sorgen um meine Zukunft. Das sage ich aber nicht.

Warum ich das alles tue? Ich weiß mir einfach sonst nicht anders zu helfen.

vorheriger Blogbeitrag
Wünsche zum Wahlsonntag: Mehr Ehrlichkeit und ein Bündnis fürs Klima
nächster Blogbeitrag
Wasser im Schiff